Die Digitalisierung ist überall. Was bedeuten die technologischen und kulturellen Veränderungen für die Organisation, die Infrastruktur von Bildung?

Die Digitalisierung wird sowohl die Strukturen des Bildungssystems als auch die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche heute lernen, tiefgreifend verändern. Zudem wird sie massive Veränderungen in der Organisation von Bildungsinstitutionen mit sich bringen. Bildungseinrichtungen werden künftig offene Systeme sein, die Bildungsorte außerhalb aktiv einbeziehen.

Die Infrastruktur wird einen hohen technischen Aspekt aufweisen. Die Bildungsräume werden einer veränderten Architektur folgen, die Interaktion und Kommunikation, kooperatives Lernen begünstigt und Raum für selbst organisierte Lernprozesse bietet. Die Lernenden werden Zugang zu Informationen und Wissen erhalten, der ohne Technik nicht möglich gewesen ist, und sie werden ihre Bildungsprozesse aktiv und ko-konstruktiv mit anderen Menschen, möglicherweise aus anderen Ländern, gestalten.

Selbst die Organisation und das Funktionieren der Bildungsinstitution wird digital in hohem Maße gesteuert. Dazu zählt auch die Steuerung von Kommunikationsprozessen zwischen den Fachkräften in der Einrichtung und den Eltern. Techniken werden erstmals einen aktiven Beitrag bei der Organisation von Bildungsprozessen übernehmen und Fachkräfte entlasten, wie etwa bei der Dokumentation von Lernprozessen.

Die didaktisch-pädagogischen Materialien werden zunehmend digital und Professionalisierungsmaßnahmen für die Fachkräfte sowie die Evaluation der Bildungsinstitutionen werden nicht ohne digitale Mittel auskommen.

Müsste Bildung im Prinzip nicht einfacher werden, wenn immer mehr Inhalte auf immer mehr Wegen verfügbar sind?

Nein, sie ist sogar komplexer geworden. Denn es geht nicht primär um den Zugang zum Wissen und den bloßen Wissenserwerb. Heute werden kindliche Kompetenzen von Anfang an gestärkt. Dafür sind Wissensdomänen zwar notwendig, aber sie werden nicht zum Selbstzweck. Vielmehr werden sie genutzt, um Bildungsprozesse zu organisieren, und mittels dieser Prozesse werden kindliche Kompetenzen gestärkt.

Um solche Prozesse evidenzbasierend und für die Lernenden gewinnbringend zu organisieren, bedarf es einer tiefen Kenntnis von Methoden, die hohe Bildungsqualität sichern können. Und bei der Gestaltung dieser Bildungsprozesse spielen heute die neuen Technologien eine zentrale Rolle, denn sie erweitern den Lernraum, bieten zusätzliche Lerngelegenheiten, steuern den Lernprozess mit und stärken das kindliche Lernengagement und die Lernmotivation.

Oder entfalten sich diese Freiheiten als Fliehkräfte, die das System mehr strapazieren, als dass sie es entlasten?

Digitale Angebote, Technologien generell, sind, wie man heute weiß, weder gut noch schlecht. Sie allein verändern nicht die Bildungsqualität. Es kommt auf das pädagogische Konzept an, das es ermöglicht, sinnvoll, produktiv und kreativ digitale mit analogen Angeboten zu verbinden und den Bildungsprozess zu bereichern.

Dies kann allerdings nur erreicht werden, wenn eine funktionierende und gut gewartete Infrastruktur zur Verfügung steht und die Fachkräfte die notwendige Kompetenz erworben haben. In diesem Kontext darf die Rolle der Familie nicht übersehen werden, denn die familiäre Internetkultur beeinflusst direkt das Nutzungsmuster des Kindes und die Qualität seiner Beziehung zu neuen Technologien.

Unser Schulsystem stammt aus einer Zeit, in der Bildungsweg und Berufsleben mehr oder weniger planbar waren. Wer heute in die Schule kommt, geht so um 2030 auf Jobsuche – niemand weiß, wie unsere Welt dann funktionieren wird.

Die schulische Sozialisation meiner Generation vertraute einer gewissen Kontinuität und Planbarkeit. Das Charakteristikum der Welt von heute ist die fehlende Prognostizierbarkeit. Sie baut vielmehr auf Diskontinuität auf und setzt Kinder offenen und sich schnell wandelnden Kontexten aus.

Die Philosophie der Vorsokratiker scheint heute der Zeit der Beschleunigung und der sich rapide wandelnden Welt am ehesten gerecht zu werden: Alles fließt. Um Kinder auf eine solche Welt angemessen vorzubereiten, werden eine andere Bildungsphilosophie, eine andere Konstruktion von Bildungssystemen, eine Neudefinition von Bildungszielen, ein neuer methodisch-didaktischer Ansatz und vieles mehr benötigt.

Deshalb muss eine Reform des Bildungssystems radikal sein, wenn man den Anschluss an diese veränderte Welt nicht verlieren möchte. Denn Gewinner in Zeiten schnellen Wandelns sind nicht die Verwalter, sondern die Gestalter dieses Wandels.