Familien wie diese gibt es viele: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung lebt jedes fünfte Kind in Deutschland mindestens fünf Jahre lang in dauerhafter oder wiederkehrender Armut. Der Einfluss von Armut auf ihren Schul- und Ausbildungserfolg ist erheblich. Auch gesundheitliche Risiken wie Adipositas, mangelnde Mundhygiene und psychische Erkrankungen können resultieren (KiGGs-Studie, 2007).

Wie alle Eltern liebt Nicole ihre Kinder über alles. Sie möchte, dass sie es einmal besser haben und stellt dafür ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Dadurch hat sie nie Zeit für sich, ist oft erschöpft, verzweifelt und einsam. Für Vorlesen, Spiele und Ausflüge fehlen ihr Zeit, Geduld und Geld. Weil das alles so stressig ist, wird Nicole zuhause manchmal wütend und laut.
Mit den Erzieherinnen versteht sich Nicole nicht. Sie redet nicht gern mit ihnen, sondern schiebt die Kinder nur schnell zur Tür hinein, weil sie befürchtet, kontrolliert und als schlechte Mutter abgestempelt zu werden.

Aufgrund unzureichender Zusammenarbeit von Unterstützungsangeboten und fehlender Konzepte bleiben zu viele Eltern mit großen Schwierigkeiten sich selbst überlassen. Häufig glauben sie, sich gerade gegen jene wehren zu müssen, die laut Profession und Auftrag für sie da sein sollten.

Eines Tages wird Nicole in der Kita von einer Sozialarbeiterin angesprochen: „Sie haben tolle Kinder, die spielen so schön zusammen! Sind beides ihre?“ Als Nicole bejaht, wird sie zu einem Elterntreffen eingeladen. Die Frau sagt, Nicole wird in der Gruppe als Erziehungsexpertin gebraucht. Außerdem verspricht sie viel Spaß und eine kostenlose Kinderbetreuung. Gleich nach diesem Gespräch geht es Nicole besser, denn Eltern wie sie erhalten nur sehr selten Wertschätzung. Dabei leisten sie täglich Enormes: Kindererziehung, Haushalt, Behördengänge und all das unter erschwerten Bedingungen.

In dem Elternkurs kann sie ihre Sorgen und Herausforderungen mit anderen Eltern, die sich in ähnlichen Lebensumständen befinden, besprechen und Lösungen erarbeiten. Trotz aller Probleme, wird auch viel gemeinsam gelacht und Nicole stellt schnell fest, dass andere Familien genau die gleichen Ängste und Fragen haben wie sie selbst. Von ihnen hört sie Tipps, die sie zu Hause ausprobiert. Es macht sie stolz, dass sie auch Tipps geben kann, die anderen helfen.

Gemeinsam mit zwei weiteren alleinerziehenden Müttern aus der ELTERN-AG trifft sich Nicole auch nach Ende des Elternkurses noch regelmäßig. Sie gehen zusammen auf den Spielplatz und freuen sich gemeinsam über kleine und große Entwicklungsschritte ihrer Kinder. Die Tage allein mit ihren beiden Söhnen sind immer noch anstrengend. Doch Nicole fühlt sich nun nicht mehr so einsam. Sie weiß, an wen sie sich wenden kann, wenn es nicht weiter zu gehen scheint. Sie fühlt sich sicherer im Umgang mit ihren Kindern, mit anderen Eltern und mit den Erzieherinnen.

Nicole gelingt es inzwischen, darauf zu achten, was ihre Kinder schon besonders gut können. Dadurch läuft es im Alltag harmonischer und sie wird immer mehr zu der Mutter, die sie für ihre Kinder sein möchte: Eine Mutter, die ihren Kindern zu den bestmöglichen Zukunftschancen verhilft.