Wie sehen Sie die Entwicklung der Fernstudienangebote? Wie erklären Sie sich die wachsende Nachfrage?

Das Fernstudium trifft den Nerv einer steigenden Zahl von Menschen, die einen akademischen Abschluss anstrebt, aber weder Zeit noch Gelegenheit hat, eine Präsenzhochschule regelmäßig aufzusuchen, um an den vor Ort angebotenen Lehrveranstaltungen teilzunehmen.
Das Fernstudium ist nahezu die einzige Möglichkeit, sich neben dem Beruf oder anderweitigen Verpflichtungen weiter zu qualifizieren.

Kaum jemand würde seinen Beruf aufgeben, um beispielsweise für zwei Jahre an einer Hochschule den Masterabschluss zu erwerben. Eine gute Alternative ist das Fernstudium aber auch für Familienfrauen und -männer, die zum Beispiel während ihrer Elternzeit studieren wollen.

Abiturienten, die ihren Lebensunterhalt während des Studiums durch Jobben selbst finanzieren müssen, wählen nicht selten das Fernstudium als Alternative zu einem Präsenzstudium, das nur wenig an örtlicher und zeitlicher Flexibilität bietet. Schließlich kommt das Fernstudium aber auch Menschen entgegen, die aufgrund eines Handicaps an dem Besuch einer normalen Hochschule gehindert werden.

Ganz besonders bedeutsam ist das Fernstudium für die Gruppe der beruflich Qualifizierten. Gerade hier zeigt sich, dass das Bildungsformat des Fernstudiums das geeignete Instrument ist, um Menschen, die eine Eignung durch den Beruf erworben haben, akademisch zu qualifizieren.
Die Kombination von Studium und Beruf ist also das A und O beziehungsweise das große Plus dieser Art des Studiums.

Der steigende Zuspruch zum Fernstudium liegt zum Teil aber auch an dem ungebrochenen Trend der Akademisierung, das heißt dem ständig wachsenden Zuspruch zu einer Hochschulausbildung. Wissen, so weiß man, schafft Aufstieg. Das Fernstudium trägt dazu wesentlich bei.
Das stetige Wachstum des Fernstudienanteils hat schließlich auch damit zu tun, dass inzwischen die Fernstudienmöglichkeiten, das heißt die im Fernstudienmodus studierbaren Inhalte und Programme, erheblich zugenommen haben.

Das gilt für die Breite des Angebots und auch für die Zahl der Anbieter von Fernstudiengängen.

Welche Vorteile und Chancen bieten Fernstudiengänge an privatwirtschaftlichen Hochschulen?

Die Chancen und Vorteile privater Fernstudienanbieter bestehen in der Regel in der ausgeprägten Serviceorientierung dieser Hochschulen und oft auch darin, dass man ohne Wartezeiten, das heißt jeden Tag, mit dem Studium beginnen kann, es also keine regulären Semesterrhythmen mehr gibt. Klar ist aber auch, dass der Service seinen Preis hat und von den Studierenden bezahlt werden muss. Teil der Servicehaltung ist auch, dass insgesamt die Flexibilität bei den Privatanbietern größer als bei den staatlichen Einrichtungen ist.

Das Angebotsspektrum wird zunehmend erweitert, die Grenzen zwischen einem klassischen „Präsenzstudium“ und dem Fernstudium verschwimmen (Blended Learning). Wird das Fernstudium beziehungsweise das Studieren von zu Hause das klassische Modell auf lange Sicht ablösen?

Es hat immer wieder Auguren gegeben, die den Tod der Präsenzhochschule angesichts des Aufkommens von Technologien, die man für Bildungszwecke nutzen kann, vorausgesagt haben.

Mit dem Aufkommen von E-Learning und den sogenannten virtuellen Hochschulen gab es erneut eine Reihe von Untergangsprophezeiungen. Und in diesen Tagen schwingt wieder mal so ein Tenor mit, wenn der „YouTube-Professor“ als das Zukunftsmodell der akademischen Ausbildung an die Wand gemalt wird, der den weniger telegenen Hochschullehrer in der Arena des Vorlesungssaals ablösen soll.

Tatsache aber ist, um es mit einem Vergleich zu sagen: Das Fernsehen hat das Kino nicht ersetzt, auch das Theater und der MP3-Player haben Live-Konzerte nicht zum Verschwinden gebracht. Auch das Fernstudium oder Blended Learning verdrängt oder ersetzt nichts.

Es schafft zusätzliche Bildungschancen für besondere Zielgruppen, die sonst nicht zum Zuge kämen. Das Fernstudium schafft geradezu ein Stück Bildungsgerechtigkeit! Es eignet sich für eine Zielgruppe von Bildungswilligen und -interessierten, die durch eine normale Hochschule und ihre Organisationsstrukturen nicht erreicht wird.

Kurz gesagt: Die Präsenzhochschulen werden sich ganz sicher nicht in Fernhochschulen auflösen oder der Digitalisierung zum Opfer fallen, auch wenn sich die verschiedenen Formen der akademischen Bildung (hier Ferne und dort Präsenz) annähern.