Seit knapp 20 Jahren unterstreicht die Politik die Notwendigkeit lebenslangen Lernens. Was hat sich seither verändert?

Es gibt eine bedenkliche Tendenz: Der Staat zieht sich aus der Finanzierung von Weiterbildung mehr und mehr zurück. Trotz aller Bekenntnisse, wie wichtig Weiterbildung ist, sind die öffentlichen Ausgaben in diesem Bereich um über 40 Prozent gesunken – bei insgesamt stetig steigenden Bildungsetats. Ausgeglichen haben das die Betriebe und vor allem die Beschäftigten selbst, die deutlich mehr für Fortbildungen ausgeben als früher.

Dann hat der Appell der Politik gewirkt und alle bilden sich mehr weiter?

Jein, denn zwar investiert die private Hand mehr in Weiterbildung denn je. Davon profitieren aber nicht die atypisch Beschäftigten, also Menschen mit befristeten Arbeitsverträgen und Zeitarbeiter. Ihnen fehlen die finanziellen Mittel, solche Kurse selbst zu bezahlen. Das unterstreicht auch die Forschung zur Weiterbildungsbeteiligung: 65 Prozent der höher qualifizierten Festangestellten nehmen mindestens einmal im Jahr an Weiterbildung teil. Bei Geringqualifizierten in atypischen Beschäftigungsverhältnissen sind es nur 24 Prozent.

Was muss denn passieren, damit die Weiterbildungsbeteiligung insgesamt steigt?

Wir müssen die Heterogenität der Menschen ernst nehmen. Lernmotivation, Lernstil und Lerntempo sind bei jedem anders. Deshalb brauchen wir personalisierte Lernwege. Dabei können digitale Lernangebote helfen, die nicht nur auf verschiedene individuelle Bedürfnisse und Ziele eingehen, sondern ähnlich wie gute Computerspiele auch hohe motivatorische Kraft entfalten können. Das digitale Lernen – richtig gemacht – passt sich dem Leben des Lerners an. Nicht umgekehrt.

Sorgt die Digitalisierung also für mehr Chancengerechtigkeit in der Weiterbildung?

Ja, das ist möglich. Digitale Technologien können dazu beitragen, den Zugang zum Arbeitsmarkt offener und fairer zu gestalten. Sie erfassen eine größere Bandbreite an Wissen und persönlichen Kompetenzen, egal ob diese auf dem Campus, in der Firma oder im Netz erworben wurden. Davon profitieren insbesondere diejenigen, die nicht die Chance auf einen klassischen Studien- oder Berufsabschluss hatten.

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