Verhält es sich mit dem Fachkräftemangel nicht ähnlich? Seit Jahren wird eine Drohkulisse aufgebaut, wonach die wirtschaftliche Stärke Deutschlands durch einen demografisch bedingten Rückgang der Erwerbspersonen nachhaltig gefährdet sei. Um den Wohlstand auch künftig zu sichern, stünden dem Arbeitsmarkt bald nicht mehr ausreichend qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung.

Schon Anfang der 1980er-Jahre wurde für Westdeutschland ein Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials um rund 20 Prozent bis zum Jahr 2020 prognostiziert, der insbesondere nach 1990 einsetzen sollte. Natürlich stellte die Wiedervereinigung einen unerwarteten Strukturbruch dar. Aber selbst wenn das Jahr 1991 als Basis herangezogen wird, ist tatsächlich bis heute keine Abnahme der Erwerbspersonen in Deutschland festzustellen – im Gegenteil: Ihre Zahl hat sich seitdem um rund sechs Prozent erhöht.

Wer Bevölkerungsprognosen deswegen als bedeutungslos abtut, macht es sich dennoch zu einfach. Die relevanten Eckwerte wie Geburtenrate und durchschnittliche Lebenserwartung verändern sich nur langsam. Bleibt alles andere konstant, lässt sich die Bevölkerungsentwicklung relativ sicher fortschreiben. De facto ändern sich aber viele Rahmenbedingungen, ohne dass sich das vernünftig vorhersehen ließe: Zuwanderung und verändertes Erwerbsverhalten etwa können zu maßgeblichen Abweichungen von der erwarteten Entwicklung führen.

Tatsächlich arbeiten heute ältere Menschen deutlich länger als noch vor einigen Jahren, die Erwerbsquote von Frauen ist erheblich gestiegen, und es fanden zuletzt außergewöhnlich viele Zuwanderer ihren Weg nach Deutschland. Statt der einst erwarteten Explosion der Rentenbeiträge und steigender Lohnkosten haben wir es heute mit sprudelnden Rentenkassen und einem boomenden Arbeitsmarkt zu tun.

Dass es in der Vergangenheit offenbar gelungen ist, Potenziale zu mobilisieren, die vorher ungenutzt blieben, heißt nicht, dass diese Potenziale auch in Zukunft in beliebigem Maße vorhanden sein werden. Der wahre Scheinriese ist womöglich die Vorstellung von einem unbegrenzten Arbeitskräftepotenzial. Schon seit geraumer Zeit deutet ein wachsendes Verhältnis der Zahl der offenen Stellen zur Zahl der Arbeitsuchenden auf vermehrte Engpässe hin. Jahr für Jahr treten mehr Ingenieure in den Ruhestand, als frisch ausgebildete in den Arbeitsmarkt eintreten. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach qualifizierten Fachkräften.

Dabei geht es längst um mehr als nur die Zahl der Köpfe. Je knapper Arbeitskraft wird, desto wichtiger ist es, dass die vorhandenen Arbeitskräfte die richtigen Qualifikationen mitbringen. Die fortschreitende Digitalisierung wird dazu führen, dass neue Kompetenzprofile gefragt sein werden. In dem Maße, wie Routineaufgaben von Maschinen übernommen werden können, müssen und dürfen sich Menschen auf das konzentrieren, worin sie den Maschinen noch lange überlegen sein werden. Neben der rein fachlichen Qualifikation werden dafür Faktoren wie Kreativität, soziale Kompetenz, Lernkompetenz, Verantwortungsfähigkeit sowie Entscheidungs- und Problemlösungskompetenz immer bedeutender.

Die Angst, dass der Menschheit die Arbeit ausgehen könnte, ist unbegründet. Umso wichtiger ist es, Konzepte zu entwickeln, wie Menschen bei dem Erwerb der geforderten Qualifikationen möglichst gut unterstützt werden können.