Frau Isik, mit 15 haben Sie die ersten Videos gemacht, heute haben Sie ein Millionenpublikum. Hätten Sie das gedacht?

Nein, niemals! Als ich angefangen habe, war meine Traumvorstellung irgendwann die 1.000 Abonnenten zu erreichen. Dass das dann irgendwann solche Ausmaße annimmt, hätte ich mir niemals vorstellen können.

Hatten Sie damals überhaupt einen Plan – vielleicht sogar einen Businessplan? – bzw. eine Vision, wo Sie „damit hinwollen“?

Einen wirklichen Plan hatte ich eigentlich nicht - nicht mal ein Ziel. Ich war ja noch sehr jung & für mich stand einfach der Spaß im Vordergrund - deswegen habe ich nie besonders viel über alles nachgedacht, sondern einfach das gemacht, worauf ich Lust hatte.

Gab es damals überhaupt eine (realistische) Business-Perspektive?

Also zu meinen Anfängen war das Wort Business auf Youtube generell noch nicht so groß. Man konnte zwar schon Geld mit seinen Videos verdienen, aber die Platform war noch viel mehr ein Ort, auf dem man sich kreativ ausleben konnte.

Auch aus unternehmerischer Sicht war Youtube noch nicht so interessant. Der Boom kam erst 2013 würde ich sagen, woraufhin immer mehr Leute Youtube als Berufsperspektive gesehen haben.

Wie kamen Sie denn auf die Idee? Gab es Vorbilder? Kam das aus einem inneren Bedürfnis? Oder waren Sie einfach neugierig – und aus Spaß wurde Ernst?

Ich habe selbst sehr gerne Youtube Videos geschaut und irgendwann hatte ich einfach Lust, mich da ebenfalls auszuprobieren. "Aus Spaß wurde Ernst" trifft es da eigentlich ganz gut. Ich hatte einfach Freude daran und irgendwann wurde aus meinem Hobby mein Beruf.

Sie sind immer noch ziemlich jung und trotzdem schon ein „alter Hase“. Was denken Sie über die Entwicklung der Blogosphäre, der sozialen Medien? Was hat sich verändert, seit Sie angefangen haben?

Prinzipiell hat sich vor allem einfach das Geschäftsdenken gesteigert. Viele fangen heutzutage in erster Linie an, weil sie sich einen Erfolg in dieser Branche erhoffen. Das war zu meinen Anfängen noch ganz anders und kaum einer hatte wirklich irgendwelche "Marketingstrategien".

Natürlich hat das dem ganzen eine ganz andere Ernsthaftigkeit verliehen und dieser Beruf gelangte immer mehr an Bedeutung. Ich finde es dennoch schön, noch zu einer Zeit angefangen zu haben, als der Spaß im Vordergrund stand und nicht alles komplett durchgeplant wurde, wie in einem Businessplan.

A propos immer noch jung – ist es nicht irgendwie komisch, die eigene Entwicklung mit so vielen Menschen zu „teilen“? Wie beeinflusst die Öffentliche Person die Privatperson Ischtar Isik?

Dadurch, dass ich nicht mit einem Schlag so viele Abonnenten erreicht habe, verlief dieser Übergang so fließend, dass ich anfangs gar nicht so viel darüber nachgedacht habe, wie viele Menschen wirklich mein Leben verfolgen. Für mich ist es mittlerweile einfach ein Teil meines Lebens und Youtube und diese Branche allgemein haben auch einen großen Teil meiner Entwicklung beigetragen, deswegen fühle ich mich dabei auch nicht "komisch".

Das gute ist ja, dass es im Grunde immer in meiner Hand liegt, wie viel von der Privatperson Ischtar Isik auch an die Öffentlichkeit geht. Auch wenn ich viel aus meinem Leben teile, ziehe ich da dennoch klar meine Grenzen. Man kann vielleicht nicht immer unerkannt kurz durch die Stadt laufen, aber das ist mittlerweile auch etwas, woran ich mich gewöhnt habe.

Konkret/Extrembeispiel: Unbekannte junge Leute können sich mal die Haare färben, eine Glatze rasieren, Sachen relativ unbemerkt einfach mal ausprobieren – fehlt Ihnen diese Freiheit manchmal?

Ich denke, das wichtigste in dieser Branche ist es, sich von der Meinung anderer loszulösen. Tagtäglich gibt es Leute im Internet, die jeden Schritt von dir verfolgen und über dich urteilen. Natürlich war es nicht immer einfach, sich davon zu distanzieren, aber mittlerweile bin ich an einem Punkt angekommen, an dem ich einfach mache, was ich für richtig halte und auch dazu stehe. Und wenn man das erreicht hat, dann ist es nicht mehr schlimm, dass man nicht unbemerkt sich ausprobieren kann. Ich tue es einfach trotzdem und lasse mich nicht von einer "Angst" einschränken.

Über-40-Jährige haben ein ganz anderes Verständnis von Begriffen wie „Privatsphäre“ und „Persönlichkeitsrechten“ als Unter-20-Jährige; was für die einen skandalös ist, ist für die anderen selbstverständlich.

Ich denke, dass dies vor allem damit zusammenhängt, was man gewöhnt ist. Die heutige Generation der bis 20 Jährigen ist quasi mit Social Media aufgewachsen und hat allein dadurch ein ganz anderes Verständnis für die Öffentlichkeit, weil es sich "normal" anfühlt. Ich kann verstehen, dass man dies nicht wirklich nachvollziehen kann, wenn man es einfach nicht gewöhnt ist.

Denken Sie, dass irgendwann im Prinzip alle so öffentlich/transparent leben wie Sie? Oder geht der Trend eher zurück ins Private?

Das ist eine Frage, die ich mir selbst sehr oft stelle und ich weiß ehrlich gesagt keine Antwort. Ich kann mir gut vorstellen, dass sich dieses transparente Leben in der nächsten Zeit noch weiter steigern wird, aber auch, dass es danach irgendwann nochmal einen Umschwung ins Private gibt.

Sie sprechen in Ihren Videos über alles Mögliche – über Schminktipps und Klamotten, über Sex und Beziehung, über Selbstbewusstsein und Gruppendruck. Wie entstehen Ihre Videos, wann und warum kommt der Punkt an dem Sie sagen „Darüber dreh ich jetzt eins!“?

Ich entscheide nach vielen verschiedenen Faktoren. Entweder es ist etwas, was mich persönlich besonders beschäftigt oder vielleicht ein Thema, was sich viele Zuschauer wünschen. Oder einfach etwas, was gerade beliebt und im Trend ist. Generell ist mir einfach wichtig, diese Abwechslung beizubehalten, denn ich finde, gerade die Vielfalt macht meinen Kanal aus.

Wie kann man sich Ihren Alltag vorstellen? Müssen Sie bei so vielen Fans und Followern nicht die ganze Zeit Kommentare/Fanpost lesen?

Einen richtig typischen Alltag in dem Sinne habe ich nicht. Mein "Alltag" sieht immer anders aus. Mal besteht mein Tag daraus, ein Video zu drehen und zu schneiden und mal bin ich unterwegs, um Bilder zu produzieren. Ein anderes Mal bin ich auf irgendeiner Geschäftsreise mit einem Unternehmen.

Aber das, was jeden Tag gleich ist, ist dass ich versuche mit meinen Followern in Kontakt zu bleiben und sie bei allem mitzunehmen. Ich kann nicht immer alle Kommentare & Nachrichten lesen bzw. beantworten, aber ich gebe mir da sehr viel Mühe, denn letztendlich ist gerade dieses Feedback der Grund, warum ich das alles in erster Linie begonnen habe.