„Was? Du arbeitest in der Pflege?“ Ja, das tun wir! Und die meisten von uns tun es aus tiefer Überzeugung. Ungeachtet der schwierigen Umstände, die sich in vielen Häusern über die Jahrzehnte angestaut haben.

Doch inzwischen bricht eine Art Pflege-Frühling an. Nicht nur, dass die Politik zu erkennen beginnt, dass der Dienst an Alten, Kranken oder auch Kindern mehr ist als eine rote Zahl in der Sozialbilanz unseres Landes. Sondern eine Grundvoraussetzung, um unsere Gesellschaft überhaupt menschenwürdig nennen zu dürfen. Und durch die steigende Zahl der Demenzerkrankungen wächst das Bewusstsein, dass uns alle dieses große Vergessen eines Tages ereilen könnte – und damit die Einsicht, dass wir froh sind, wenn uns die Mitmenschen dann nicht vergessen. Denn so merkwürdig es klingen mag: Auch mit Demenz ist die Erfahrung von Glück möglich.

Es gibt inzwischen viele Einrichtungen in Deutschland, die Pflege von einer anderen Perspektive her denken – jenseits starrer Strukturen und fern unterkühlter Krankenhausatmosphäre. Dieser Aufbruch gelingt aber nur mit Menschen, die bereit sind, ihre ganze Leidenschaft, ihr ganzes Talent einzubringen. Solche Menschen zu begeistern und für die Idee einer würdigen und nachhaltigen Pflege zu gewinnen, ist jetzt unsere wichtigste Aufgabe. Denn gute Pflege ist keine Einbahnstraße, sondern ein lebendiger Prozess, in dem auch der Pflegende außerordentlich viel gewinnen kann.

Wir brauchen eine Glücksoffensive in der Pflege!

Am wichtigsten ist die Erkenntnis, dass wir in den Pflegeberufen einen glücklicheren Alltag erleben, wenn die uns anvertrauten Menschen ebenfalls Glück empfinden. Um genau das zu erreichen, müssen wir uns trauen uns zu fragen, was uns selbst zufrieden macht. Diese Form des Einfühlungsvermögens, das in der Kategorie des „Wir“ denkt, hilft schon dabei, die gröbsten Fehler und Ursachen für Unzufriedenheit zu vermeiden. Wie sich das in der Praxis ausdrücken kann? In unserem Haus, dem Maria-Martha-Stift in Lindau am Bodensee, haben wir zum Beispiel das Lebensstil-Konzept eingeführt. Es setzt den eigentlich mehr als naheliegenden Gedanken um, dass sich Menschen, die aus den eigenen vier Wänden in ein Heim umziehen, wohler fühlen, wenn sie in eine Umgebung kommen, die ihrem eigenen Geschmack entspricht. Das beinhaltet auch, dass Mitbewohner einen ähnlichen sozialen Hintergrund sowie gleiche Werte und Überzeugungen teilen. Die Effekte sind durchweg positiv: Weniger Konfliktpotenzial, weniger Stress – und im Ergebnis eine lebenswertere Atmosphäre für alle Beteiligten.

Und was haben die Pflegekräfte davon? Die Arbeitsbelastung nimmt ab, Krankenstände sinken, womit Dienstpläne wiederum verlässlicher werden. Das Beispiel des Lebensstil-Konzeptes ist aber nur eines unter vielen Ermutigenden, die eine positive Spirale in Gang bringen. An deren Ende soll und wird nach unserer festen Überzeugung ein völlig verändertes Berufsbild in der Pflege stehen: eines mit deutlich besserem Image, leistungsgerechter Bezahlung und der gesellschaftlichen Anerkennung, die oft immer noch fehlt.

Die Entwicklungsmöglichkeiten in dieser spannenden Zeit des Aufbruchs in der Pflege mit all ihren Perspektiven sind noch gar nicht abzusehen. Sicher aber ist: Es lohnt sich, ein aktiver Teil davon zu sein. Und die Zahl derjenigen, die anpacken statt zu jammern, langfristig und nachhaltig zu steigern.

Lassen Sie sich begeistern von einem Beruf, der in Zukunft nicht mehr unter Wert verkauft werden wird. Dafür ist er einfach zu wichtig.