Nach wie vor ist der Männeranteil im Pflegebereich gering. In der Alten- und Krankenpflege liegt er bei unter 25 Prozent. „Hintergrund dafür ist auch die weitläufige Annahme, Männer seien für die Pflege von Menschen weniger geeignet als Frauen. Helfen, Pflegen und Assistieren gilt als unmännlich“, sagt Miguel Diaz, Leiter der Servicestelle Klischeefrei. „Das ist natürlich Unsinn!“

„Was ist es denn?“

Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder werden schon mit der Geburt an uns herangetragen. Es beginnt mit der Frage: „Was ist es denn?“ Im weiteren Lebensverlauf nehmen diese Bilder maßgeblichen Einfluss auf die Berufswahl und Lebensplanung von Frauen und Männern. „Das hat zur Konsequenz, dass es in Deutschland nur wenige Berufe gibt, in denen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis vorliegt“, erläutert Diaz. „Die meisten Berufe sind einseitig von Männern dominiert, nur etwa ein Viertel weist einen Frauenüberhang auf.“

Schon bei der Berufswahl gibt es ein Ungleichgewicht zwischen Jungen und Mädchen. Obwohl es mehr als 330 duale Ausbildungsberufe gibt, entscheiden sich mehr als die Hälfte der jungen Männer für einen von 20 Ausbildungsberufen. Aber es tut sich was: Bei den schulischen Ausbildungsberufen stieg der Anteil der Männer von 22,1 (2012/2013) auf 25,2 Prozent (2015/2016). Auch bei den angehenden Physiotherapeuten gibt es eine positive Entwicklung: Hier stieg der Anteil der Männer im selben Zeitraum von 36,6 auf 39,3 Prozent.

Nichts für richtige Kerle

Menschen haben unterschiedliche Begabungen, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Geschlechterklischees schränken Frauen und Männer in der Entfaltung ihrer Potenziale stark ein. Die Aktionstage Girls’Day und Boys’Day unterstützen die Initiative Klischeefrei und sind eine Möglichkeit für junge Menschen, Berufe kennenzulernen, die zu ihren Stärken und Fähigkeiten passen und ihnen Spaß machen – frei von Klischees und Geschlechterzuweisungen.

Miguel Diaz ist in der Diskussion um Berufs- und Studienwahl vor allem eines wichtig: „Geschlecht ist  weniger das, was wir haben, als vielmehr das, was wir tun! Mit einer geschlechtskonformen Berufswahl, also Frauen in Erziehung und Pflege, Männer in Handwerk und Technik, wird die Geschlechtszugehörigkeit als eindeutig markiert.“ Korrespondiert eine berufliche Orientierung nicht mit den gängigen Geschlechterstereotypen, führt dies nicht selten zu Irritationen. „Das kann so weit gehen, dass eine Berufswahl, die nicht den gängigen Mustern entspricht, in der Familie oder im Bekanntenkreis infrage gestellt wird“, sagt Diaz. Beispielsweise wenn behauptet wird, dass die Berufe Altenpfleger oder Erzieher nichts für richtige Kerle wären, männliche Friseure doch eh alle schwul und damit „unmännlich“ seien.

Darum gehören Männer in die Pflege

Jungen und Männer müssen nicht seltener gepflegt werden als Mädchen und Frauen. Da Pflegebedürftigkeit keine Geschlechtergrenzen kennt, sollte es solche Grenzen auch nicht beim Pflegepersonal geben und der Anteil des männlichen Pflegepersonals deutlich gesteigert werden. Diaz: „Und das nicht, weil Männer anders pflegen als Frauen, sondern weil es durchaus Jungen und Männer gibt, die lieber von Angehörigen der eigenen Geschlechtergruppe gepflegt werden möchten. Außerdem fördert es Vielfalt innerhalb von Institutionen.“

Die Erfahrung macht David auch. Die zu pflegenden Männer sind dankbar und er ist es auch. „Ich arbeite in einem Beruf, in dem man viel leisten muss, der aber sehr erfüllend ist.“

Girls’Day und Boys’Day

Am 26. April 2018 ist wieder Girls’Day und Boys’Day. Schülerinnen und Schüler ab Klasse 5 erkunden Berufe und Studienfächer, in denen das jeweils eigene Geschlecht noch unterrepräsentiert ist. Unternehmen, Einrichtungen und Betriebe können ihr Angebot für Mädchen beziehungsweise Jungen auf girls-day.de und boys-day.de im Radar eintragen. Dort können die Schülerinnen und Schüler nach Angeboten suchen und sich anmelden. Girls’Day und Boys’Day unterstützen die Initiative Klischeefrei: klischee-frei.de