Herr Gaedt, Sie selbst haben schon mehrfach über den „Mythos Fachkräftemangel“ gesprochen und geschrieben. Wie ist die aktuelle Situation bei diesem doch sehr sensiblen Thema?
 

Grundsätzlich hat jedes Unternehmen Fachkräftemangel – genauso wie Kundenmangel. Wenn es wachsen möchte, braucht es Menschen – Kunden und Mitarbeiter. Ein deutscher Rekord 2019: 45 Millionen Erwerbstätige – plus zwei Millionen Deutsche, die im Ausland arbeiten. Das führt zu der Frage: Fachkräftemangel, was ist an dem Wort eigentlich dran?! In Estland werden pro Jahr 800 Jahre Arbeitszeit durch die digitalisierte Verwaltung gespart. Wenn Deutschland auf dem Stand von Estland wäre, also wenn wir etwas machen würden, was es schon gibt, würden wir 50.000 Jahre Arbeitszeit pro Jahr sparen. Haben wir Fachkräftemangel oder Digitalisierungsmangel? Fachkräftemangel hat immer Gründe. Schaut man genauer hin, zum Beispiel eine völlig veraltete Organisationsstruktur oder eine mangelhafte Unternehmenskultur, mangelnde Wertschätzung oder schlechte Bezahlung.

Welcher aktuelle Trend im Arbeits- und Bewerbermarkt beunruhigt Sie am meisten?
 

Alles ändert sich. Wieso sollte sich Arbeit nicht ändern? Mich beunruhigt, dass Veränderung oft als schlecht gesehen wird. Mich beunruhigen starre Organisationen. Mich beunruhigen die Klima-
krise, Besserwisser und Lobbyisten. Warum sind wir nicht weiterhin Marktführer in regenerativen Energien? Wirtschaftlich wäre das sinnvoller, als an alten Industrien festzuhalten. Arbeitgeber müssen zwei Dinge beachten – a: In Europa suchen 23 Millionen Unternehmen nach Fachkräften. Und b: Unternehmen sind als Arbeitgeber grundsätzlich unbekannt. Viele Unternehmen schätzen sich irrtümlich als viel zu bekannt ein. Wer unbekannt ist, kann keine Bewerbung bekommen. Die allererste Pflicht lautet, für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Sie erarbeiteten 44 Fragen an das Recruiting. Inwieweit können diese Fragen Unternehmen in ihrem Bewerbungsprozess voranbringen?
 

Durch Fragen kann man überraschen, Neues lernen und Ideenfitness regelmäßig trainieren. Meine Lieblingsfrage der 44 Fragen an das Recruiting ist die folgende: Wissen Sie, wer sich nicht bei Ihnen bewirbt? Es ist nämlich immer die Mehrheit. Im Umkehrschluss rate ich Unternehmen zu ideenreichem Marketing. Die Stadtverwaltung Hamm suchte Ingenieure.

Alles ändert sich. Wieso sollte sich Arbeit nicht ändern? Mich beunruhigt, dass Veränderung oft als schlecht gesehen wird.

Zuerst bewarb sich keiner. Dann bot die Stadtverwaltung eine Fahrt auf dem Kreuzfahrtschiff Heavy Metal an. Das brachte Aufmerksamkeit, viele Bewerbungen und sogar Lob im Landtag von NRW für Hamm. Es gibt inhaltlich keinen Unterschied zwischen Fachkräftemangel und Kundenmangel. Gleiche Antwort: Machen Sie mehr Marketing und Vertrieb oder verändern Sie Ihr Angebot.

Wie können Kooperationen zwischen Unternehmen aussehen, um den Bewerbungsprozess zu optimieren?
 

Es gibt Handelskooperationen, weil der Einkauf gemeinsam günstiger ist. Aber jeder Maler, Friseur und Einzelhändler sucht allein nach neuen Mitarbeitern. Dabei könnten sich mehrere Unternehmen einer Region oder Branche zusammentun und untereinander gute Kandidaten empfehlen. Datenschutzrechtlich gibt es dafür erprobte Lösungen.

Warum kooperieren Unternehmen nicht? Weil sie die Konkurrenz nicht stärken wollen, wird oft gesagt! Das ist aber eine alte Denke. Sharing Economy wächst in vielen Bereichen. Bewerber zu empfehlen, ist menschlich viel sinnvoller – und ebenso ökonomisch, denn es spart Kosten. Fachkräftemangel haben die unbekannten Betriebe, aber in Kooperation wären sie groß.

Wie sieht das optimale Bewerbungsgespräch aus?
 

Man muss differenzieren, für welchen Beruf man sucht. Das klassische Bewerbungsgespräch hat wenig Aussagekraft. Ein Buchhalter, der gründlich und ehrlich ist, muss nicht gut reden können. Viele Menschen hassen Bewerbungsgespräche und lieben Partys. Laden Sie zu Bewerberpartys ein. Die meisten Stellen werden sowieso über Kontakte besetzt. Wie wäre ein Bewerbercafé? Bewerber und Unternehmen treffen spontan die, die jetzt suchen.

Grundsätzlich empfehle ich, zu erleben, wie jemand arbeitet. Ein Tischler kann etwas bauen, ein Marketingmanager kann etwas auf Instagram oder Twitter posten. Vieles ist am besten im Doing zu erleben, mit praktischen Aufgaben, die zu dem Berufsbild passen. Ein Unternehmen hat die Arbeitszeit auf fünf Stunden täglich reduziert bei gleichem Lohn. Im Vorstellungsgespräch geht es ganz praktisch darum, wie der Bewerber die fünf Stunden produktiv nutzen würde.

Welchen Rat haben Sie an alle Arbeitnehmer für ihr nächstes Bewerbungsgespräch?
 

Bereiten Sie sich gut vor. Lesen Sie alles über das Unternehmen, deren Produkte, Projekte und die Menschen beim neuen Arbeitgeber. 1. So finden Sie heraus, was Sie am Unternehmen reizt. 2. Sie sind viel souveräner und können als Bewerber gezielt Fragen stellen.

Ich rate Bewerbern, im Vorfeld mit Menschen zu reden, die schon in dem Unternehmen arbeiten, bei dem man sich bewirbt. Über Businessplattformen geht das einfach. Oder Sie fragen direkt im Bewerbungsgespräch nach 2 oder 3 Kontakten, um mit zukünftigen Kollegen zu sprechen.

Grundsätzlich seien Sie selbstbewusst, zeigen Sie Interesse und fragen Sie so viel wie möglich.

Was können Arbeitgeber mit einfachen Mitteln verbessern?
 

In den meisten Unternehmen gibt es keinen guten Onboarding-Prozess, in dem alles gezeigt wird. Die ersten Tage entscheiden maßgeblich darüber, ob neue Kollegen im Unternehmen zufrieden sind. Decken sich Tatsachen mit Versprechungen? Lernt man alle Kollegen kennen oder sieht man sie erst bei der Weihnachtsfeier? Mitarbeiter wollen wissen, wer zuständig ist, wie die Kaffeemaschine geht und wo was zu finden ist.

Manche Unternehmen laden neue Mitarbeiter und Azubis bereites vor dem ersten Arbeitstag zum Sommerfest oder zu Ausflügen ein.

Fassen Sie in einem Satz zusammen, was ein Unternehmer beziehungsweise ein Unternehmen beachten sollte bei der Personalgewinnung.
 

Jedes Unternehmen, egal wie groß, muss für Bewerber in dem jeweiligen Markt und der jeweiligen Region sichtbar werden, um überhaupt Bewerber finden zu können, denn solange man nicht sichtbar ist, kann sich niemand bewerben!