Hype und Realität in mittelständischen Unternehmen

Die erste schmerzhafte Erkenntnis folgt oft schon nach einer kurzen Daten-Analyse: So gut, wie allgemein angenommen, stehen viele Unternehmen gar nicht da. Vielleicht war das aktuelle Geschäftsjahr erfolgreich. Aber was ist mit der Zukunft? Welche Erfolgschancen hat das eigene Geschäftsmodell in der digitalen Welt? Werden tatsächlich alle potentiellen Kunden erreicht und welche Art von Arbeit wird es in Zukunft im Unternehmen geben? Nur wenige mittelständische Unternehmen haben ihren Weg in die digitale Zukunft bereits gefunden.

Hinter den trendigen Fachvokabeln wie „Big Data“ oder „Industrie 4.0“ verbirgt sich letztendlich ein teures, anstrengendes und kräftezehrendes Großprojekt: Nicht nur das – meist erfolgreiche – Geschäftsmodell, sondern das gesamte bestehende Unternehmen wird auf den Prüfstand gestellt, um es schlussendlich für die neue digitale Welt und damit neue Nutzer- und Kundenanforderungen bereit zu machen. Bei den meisten Unternehmen beinhaltet dies auch die komplette Erneuerung und Erweiterung der IT Infrastruktur, immer schon mit einem Blick auf datengetriebene Geschäftsmodelle, vernetzten Geräte im Internet of Things und die zunehmende Mensch-Maschinen-Interaktion. Auch, wenn sich diese Zukunftstechnologien heute vielleicht an vielen Stellen noch nicht realisieren lassen. Jetzt müssen die Grundlagen dafür geschaffen werden.

Falsch verstandener Datenschutz führt zu gefährlichem Stillstand

Parallel zu den technischen Projekten sollten die sozialen Veränderungen ablaufen. Arbeits- und Kommunikations-Prozesse müssen entsprechend der digitalen Bearbeitungsweise neu gedacht, Mitarbeiter stetig weitergebildet werden. Auch die Ausarbeitung und Implementierung von umfassenden Datenschutz- und IT Sicherheits-Konzepten ist nicht ohne.

Besonders die neue EU-Datenschutz-Grundverordnung, die im Mai 2018 in Kraft tritt, wird derzeit zum Stopp-Schild für den digitalen Wandel im Mittelstand. Während die einen im Unternehmen die Möglichkeiten datengetriebener skalierender Geschäftsmodelle vor Augen haben, machen sich die anderen vor allem Sorgen um die mögliche Ausspähung von Arbeitnehmer-Daten. Auf der Strecke bleiben dabei: IT-Sicherheit und Innovationsfähigkeit.

Während Startups völlig unbelastet neue Geschäftsfelder erobern können, macht gerade die erfolgreiche Geschäfts-Historie dem Mittelstand zu schaffen.

Falsch verstandener Datenschutz gehört wohl derzeit zu den größten Geschäftsrisiken im Mittelstand. In meiner täglichen Arbeit begegnen mir dabei vor allem zwei Gruppen: diejenigen, denen alles vollkommen egal ist, weil es ja gerade so gut läuft. Und diejenigen, die aufgrund von Zuliefer-Verträgen zum Datenschutz gezwungen werden, aber vor der Umsetzung eines entsprechenden Konzepts erst einmal nach Lösungen suchen, um die internen Konflikte beizulegen und in technischen Belangen in Zukunft so wenig wie möglich eingeschränkt zu sein.

Oft wird irrtümlich angenommen, dieses komplexe Problem würde erst entstehen, wenn das Unternehmen tatsächlich auch digitale Lösungen an Kunden anbietet. Dabei findet schon seit Jahrzehnten maschinelle Datenverarbeitung in Unternehmen statt. Diese wird durch die aktuelle Digitalisierungs-Welle nur noch einmal komplexer – und somit auch schwieriger zu sichern.

Mit einem Blick auf andere Länder und die technischen Hintergründe von Zukunftstechnologien, bleibt Führungskräften nichts anderes übrig, als hier in die Diskussion zu gehen. Mittlerweile lassen sich einige kritische Punkte technisch lösen. Beliebte Apps und Messenger bieten entweder selber Business Lösungen an, oder spezialisiert Firmen bieten Nachbauten für hoch regulierte Unternehmen an. Computer sind aber nun einmal Maschinen, die mit Daten arbeiten – und dies im besten Fall umfangreich und in Reinform, um Fehler zu vermeiden. Nur auf dieser Grundlage funktioniert die Implementierung von Zukunftstechnologien.

Soziale Konflikte gemeinsam lösen

Doch nicht nur der Datenschutz, auch die Veränderung von Prozessen und der Glaube an zukünftige Erfolge mit digitalen Produkten werden in vielen Unternehmen zum Streitpunkt. Während Startups völlig unbelastet neue Geschäftsfelder erobern können, macht gerade die erfolgreiche Geschäfts-Historie dem Mittelstand zu schaffen. Prozesse haben sich nicht nur intern, sondern auch mit Kunden und Zulieferern oft über Jahrzehnte eingespielt. Treue Kunden verlassen sich auf die Art und Qualität der Produkte und scheuen ebenso wie so mancher Mitarbeiter Veränderungen.

Nach meiner Erfahrung müssen die meisten Digitalisierungs-Projekte im Mittelstand aus dem laufenden Umsatz getragen werden.

Wer erfolgreich digitalisieren will, ohne sich selber aus dem Markt zu kicken, müsste also eigentlich komplett zweigleisig fahren. Das kann sich aber wohl kaum ein mittelständisches Unternehmen leisten. Die wichtigste Veränderung findet aber ohnehin in den Köpfen statt: Zumindest ein Großteil der an einer Digitalisierungs-Strategie beteiligten Fach- und Führungskräfte sollte verstehen, dass die Digitalisierung kein Trend ist, sondern die natürliche Weiterentwicklung unserer Arbeitswelt, auf die es zu reagieren gilt. Sokrates Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ kann hier vor allem für Top-down getriebene Manager sehr hilfreich sein. Denn wer sich eingestehen kann, dass die Digitale Transformation eines Unternehmens vieler verschiedener Perspektiven, Blickwinkel und Fähigkeiten bedarf, ist in der Lage auch die sozialen Aspekte wie kooperative Zusammenarbeit, lebenslanges Lernen und individuelle Förderung zu verstehen und zu leben.

Dazu bedarf es einem Vertrauensvorschuss gegenüber allen Mitarbeitern sowie der Möglichkeit des kontinuierlichen Feedbacks. Digitale Transformation entspricht keinem stetigen erfolgreichen Prozess, vielmehr handelt es sich um ein Auf und Ab, was allen Beteiligten immer wieder neue Motivation und Durchhaltevermögen abverlangt. Dabei muss jeder Beteiligte auch kontinuierlich an sich selber arbeiten. Außerdem kommen externe Dienstleister und Berater ins Haus, die nicht von allen Mitarbeitern mit offenen Armen empfangen werden. Eine belastbare Vertrauens-Ebene, in der Probleme offen angesprochen aber auch gelöst werden können, ist für ein solches Großprojekt daher die beste Basis.

Kleine Schritte aber stetig sichtbare Bewegung führen zum Ziel

Nach meiner Erfahrung müssen die meisten Digitalisierungs-Projekte im Mittelstand aus dem laufenden Umsatz getragen werden. Es sollten also möglichst schnell wahrnehmbare Ergebnisse vorliegen. Das lässt sich am besten mit vielen kleinen gezielten Schritten erreichen. Trotzdem darf es ruhig eine große allgemeine Vision geben. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, diese zeitnah zu erreichen, sondern sich mit allen Beteiligten darauf zu verständigen, in welche Richtung es einmal gehen soll. Diese zu kommunizieren und Mitarbeiter motiviert zu halten, daran zu arbeiten, ist am Ende für den Erfolg einer nachhaltigen Digitalisierungs-Strategie entscheidend.

Über Carolin Desirée Töpfer

Carolin Desirée Töpfer, Jahrgang 1989, startete als Teenager mit Web Design, Programmierung und dem Aufbau von Online-Communities. Als Datenschutzbeauftragte und Spezialistin für IT Sicherheit unterstützt sie heute mittelständische Unternehmen bei der Umsetzung der Digitalen Transformation. Außerdem bloggt Töpfer auf Digitalisierung-jetzt.de über Themen rund um die Digitalisierung und Zukunftstechnologien. Auf ihrem Blog digitalisierung-jetzt.de kann auch die kostenfreie Broschüre „IT Sicherheit (nicht nur) für Politiker“ heruntergeladen werden.