Wie kamst du auf die Idee, dich selbstständig zu machen?

Das ist bei mir aus dem Lebenslauf heraus entstanden. Ich hatte nicht auf einmal eine konkrete Geschäftsidee, sondern eher allgemein den Drang, mehr „mein Ding“ zu machen. Das ging schon über einige Stationen.

Erzähl doch mal von den Stationen.

Okay, ich komme aus Erfurt, bin dann nach München gezogen und hab eine Ausbildung in der Pharma-Branche gemacht, wo ich schon ein bisschen meine Leidenschaft für Marketing entdeckt habe. Dann hab ich in Worms angefangen, International Management zu studieren.

Während des Studiums war ich ein halbes Jahr auf Teneriffa, hab in der Marketing-Abteilung eines Hotels gearbeitet. Danach war ich noch ein halbes Jahr in Kanada, wo ich dann auch – der Liebe wegen –  gleich hingezogen bin (lacht). Von dort aus hab ich noch zwei Jahre studiert und meinen MBA gemacht. Und schließlich hat es mich vor zweieinhalb Jahren nach Berlin verschlagen. Diesmal war’s wegen der Arbeit: Die letzten zwei Jahre hab ich für eine Natur- und Artenschutz-Stiftung gearbeitet und dort das Online Marketing und Social Media-Management gemacht.

Das machst du jetzt nicht mehr. Hast du parallel schon „dein Ding“ geplant?

Naja – ich hab jedenfalls Bescheid gesagt, dass ich zum Ende des Jahres aufhören möchte, weil ich gemerkt hab, dass ich ein eigenes Projekt starten will. „Parallel“ kann ich nicht so gut, ich fokussiere mich immer sehr auf das, was ich gerade mache. Also hab ich lange überlegt, was ich machen könnte.

Wann und warum kam denn der Punkt, an dem du gesagt hast „Ich muss was Eigenes machen“?

Da gab es kein dramatisches Erlebnis oder so, die Arbeit hat mir wirklich Spaß gemacht – aber so nach einem guten Jahr hab ich einfach immer öfter gemerkt, dass ich nicht alles machen konnte, was ich wollte.

Interessant – oft steht die konkrete Idee ja am Beginn des Gründungsprozesses. Bei dir war’s eher so eine prinzipielle Überlegung. Wann und wie kam die Idee zu „Coralbird“?

Ich hatte in der Stiftung natürlich schon viel mit dem Thema Nachhaltigkeit zu tun – und als ich letztes Jahr mit der Familie in Namibia im Urlaub war, hatte ich schnell den Spitznamen „Nachhaltigkeits-Beauftragte“ weg (lacht). Mir sind einfach die ganze Zeit so kleine Sachen aufgefallen, die man sich meist nicht so richtig bewusst macht; und hab alle genervt, dass wir zum Beispiel keine Einwegverpackungen benutzen, dass wir Wasser in Fünf-Liter-Kanistern kaufen und so weiter. Und da hat es dann Klick gemacht. Erstens reise ich unglaublich gerne, schon seit ich denken kann. Zweitens war Nachhaltigkeit „mein Thema“ geworden. Und drittens hatte ich die fachliche Qualifikation in Sachen Marketing und Management – aus dieser Kombination ergab sich dann die Idee zu „Coralbird“.

Was ist das Konzept, das „Mission Statement“ von Coralbird?

Es gibt einerseits viele tolle Angebote von Reiseveranstaltern, Hotels, kleinen Pensionen, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen und vieles schon umsetzen. Andererseits ist es wahnsinnig schwer, diese Angebote zu finden, beziehungsweise zu identifizieren, wenn man eine Reise plant. Und auch für die Anbieter ist es nicht leicht, diese Zielgruppen explizit zu erreichen. Also: Wie finden Touristen nachhaltige Angebote – und wie kommuniziert der spanische Öko-Winzer, dass er genau das bietet, wonach viele suchen? Coralbird soll in mehrfacher Hinsicht eine Plattform sein, um diese beiden Gruppen zusammenzubringen. Einmal einfach als Informationsplattform; dann als Community, die daraus entsteht und sich über Foren und so weiter austauscht; und schließlich auch als Online-Shop für nachhaltiges Reisezubehör. Denn auch bei den klassischen Reise-Artikeln, von der Sonnencreme bis zum Rucksack, gibt es das gleiche Problem: Es gibt viele gute Sachen, aber man muss sie in einem riesigen Heuhaufen von Angeboten finden. 

Es geht dir aber nicht nur um eine moderne Dienstleistung; du hast auch eine Vision.

Ja, ich will unbedingt einen Beitrag leisten, dass das Reisen insgesamt allen Beteiligten mehr „nützt“. Denn einerseits ist Reisen so wichtig für das eigene Bewusstsein und den kulturellen Austausch – andererseits ist der Tourismus eine Riesenindustrie, die auch viel Schaden anrichten kann. Wenn zum Beispiel so ein Kreuzfahrtschiff irgendwo anlegt, dann bringen die Touristen ja nicht nur Geld mit, sondern auch jede Menge Müll und andere, auch soziale „Nebenprodukte“. Da mehr Nachhaltigkeit da reinzubringen, bringt allen was: den Reisenden, den Leuten vor Ort – und der Natur.

Okay, die Idee war da. Wie ging es dann los mit der Gründung?

Ich hab erstmal angefangen, zu recherchieren. Was gibt es da schon, was machen die, wie machen die das? Ich hab auch ein paar Sachen gefunden, aber so richtig hat mich da nichts angesprochen, beziehungsweise überzeugt. Also dachte ich „Hm, da geht was!“ Dann hab ich im Freundeskreis rumgefragt und festgestellt, dass eigentlich noch niemand von diesen Anbietern gehört hatte. Ab Januar hab ich dann meinen Businessplan geschrieben und mich da richtig reingedreht. Da hab ich auch erst so wirklich erkannt, wie groß der Markt für nachhaltiges Reisen ist.

Man muss also nicht unbedingt immer „der Erste“ sein?

Nee. Oder besser gesagt: man muss vielleicht der Erste sein, der erkennt, dass eine bestimmte Idee größeres Potential hat, als bisher verwirklicht wird. Da geht es oft viel mehr um die Kommunikation als um die „Sache selbst“. Ich sehe mich auch überhaupt nicht „in Konkurrenz“ zu anderen Akteuren! Wir verfolgen alle dasselbe Ziel. Aber es gibt eben verschiedene Zielgruppen, die am besten über verschiedene Wege erreicht werden. Und als ich nach den Angeboten, die mich interessieren, lange und intensiv suchen musste, war klar, dass da jede Menge Platz für meine Idee ist. Man sollte sich also nicht abschrecken lassen, nur weil es „sowas schon gibt“ – es gibt ja auch immer wieder neue Klamottenmarken, obwohl es schon Kleidung gibt (lacht).

Kurz zurück zum Businessplan. Für viele potentielle GründerInnen ein großes Hindernis. Wie lief das bei dir ab?

Ich hatte da auch nicht so wirklich den Durchblick, wie man das macht und was dazugehört. Aber es gibt inzwischen viele Tools und Programme, die man nutzen kann. Man muss ja nicht alles ganz allein auf ein weißes Blatt Papier schreiben (lacht). Ich hab recherchiert, mich schlau gemacht, ich hab auch ein Seminar zum Thema „Gründen und Finanzen“ besucht, das mir sehr geholfen hat. Da gibt es wirklich ohne Ende Angebote. Bis mein Plan fertig war, hat es aber trotzdem lange genug gedauert.

Wahrscheinlich lernt man dabei auch viel für die Zukunft als Unternehmer.

Auf jeden Fall! Eins der wichtigsten Dinge, die ich gelernt hab, und was mich auch ein bisschen überrascht hat, war: Jede Idee wird besser, wenn man sie teilt. Wenn man drüber redet, fragt wie sie ankommt, diskutiert, wann, was, warum. Man hat schon diesen Gedanken „Was ist, wenn ich meinen Plan hier vorstelle - und dann klaut mir einfach jemand die Idee?“ Aber das ist wirklich ein Denkfehler, denn vor allem in der Gründerszene laufen ja Leute rum, die ihre eigenen Ideen haben. Grundsätzlich sollte man da neugierig und aufgeschlossen rangehen, und nicht versuchen, das alles alleine und möglichst „heimlich“ zu organisieren. Ich hab zum Beispiel auch so ein „Vorgründungs-Seminar“ gemacht, dass der Berliner Senat anbietet, das hat mir auch nochmal sehr geholfen.

Wo stehst du jetzt, was liegt aktuell an?

Ich hab – nach dieser langen Vorbereitungsphase – gerade offiziell gegründet, und baue jetzt als erstes den Online-Shop auf. Aus dem einfachen Grund, weil das erstmal am einfachsten umzusetzen ist; das Thema „Reisebuchung“ ist so komplex, das kommt dann nach und nach dazu. Parallel fange ich an, die Community aufzubauen, das Ganze über Social Media sichtbar zu machen.

Du machst das alles alleine?

Ja, bis jetzt schon. Das ist auch eine große Herausforderung, finde ich – wenn ich einen halben Tag mit einem Kreditantrag verbracht hab, ist es nicht leicht, in der zweiten Hälfte noch Social Media Posts zu entwerfen. Man hat schon ziemlich viele Hüte auf einmal auf!

Da hast du dich bestimmt gefreut, den dritten Platz der „Women’s Startup Challenge“ zu gewinnen. Wie ist denn das passiert?

Und wie! Ich hab Anfang des Jahres nach Büroräumen gesucht und bin eher zufällig drauf gestoßen. Eine Büromanagerin fand meine Idee so gut und hat mir empfohlen, da mitzumachen. Also hab ich mich mit dem Businessplan noch mehr beeilt (lacht) – und „ein Jahr Büro“ gewonnen! Das macht schon einen großen Unterschied, nicht mehr im eigenen Wohnzimmer zu sitzen. Jetzt geht’s richtig los!

Information

Mehr Informationen finden Sie auf coralbird.de.