Der Fintech Kosmos dreht sich nicht nur um klassische Zahlendreherei. Unter dem Dachbegriff Fintech sind IT-Unternehmen, Banken und Versicherungen genauso zu Hause wie Service Provider, die sich auf Organisation und Infrastruktur konzentrieren, und Start-Ups mit Fokus auf Künstlicher Intelligenz oder anderen innovativen Ideen.

Christine Kiefer vereinte das kombinierte Wissen von Beraterin, Gründerinnen, Geschäftsführerinnen, Entscheiderinnen und ambitionierten Frauen aus der vielfältigen Welt der Fintechs zu einem Netzwerk der Expertise.

 

 

Christine Kiefer

Gründerin Fintech Ladies

Fotocredit: Carolin Weinkopf

 

Fintech Ladies vernetzen Frauen aus Fintechs und Banken

Zu Beginn des Fintech-Hypes wurde vielfach diskutiert, wer als Gewinner des Hypes hervorgehen würde – die Fintechs oder die Banken? Im Laufe der Zeit hat sich aber die Meinung etabliert, dass der Weg zum Erfolg über Kooperationen führt, sowohl zwischen Fintechs und Banken als auch zwischen Fintechs untereinander.

Das Hauptziel unseres Netzwerks ist daher die Vernetzung von Frauen, die in der Fintech-Branche in unterschiedlichen Funktionen tätig sind. Bei uns sind Mitarbeiterinnen von Fintech-Start-ups, Banken, Versicherungen, Finanzdienstleistern, Kanzleien und Agenturen vertreten – über alle Hierarchiestufen hinweg.

Unsere Events dienen dem Austausch der Ladies untereinander und bringen neue Kontakte und Geschäftsbeziehungen. Dabei sorgt ein spezielles Format dafür, dass die passenden Geschäftspartner sehr schnell zueinanderfinden.

Darüber hinaus geht es bei unseren Treffen auch um die fachliche und persönliche Weiterbildung. Bei unseren Deep Dives diskutieren wir jeweils ein Geschäftsmodell oder ein Spezialthema in der Tiefe. Dabei profitieren die verschiedenen Akteure von den unterschiedlichen Erfahrungen der anderen: Frauen, die in Großbanken und Konzernen arbeiten, lernen so die neuesten Trends und Entwicklungen im Fintech-Bereich kennen. Mitarbeiterinnen von Start-ups profitieren von dem breiten Erfahrungsschatz etablierter Unternehmen in puncto Prozesse und Abläufe sowie der Regulierung.

Seit der Gründung der Fintech Ladies im Frühjahr 2016 ist unsere Mitgliederzahl auf 300 Frauen aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz gewachsen. Damit sind wir das größte Frauennetzwerk für Fintech in Europa.

 

Anna Friedrich

Head of Marketing & Communications collectAI

 

 

Smarte Prozesse in der Finanzbranche durch AI

Vor den 70er-Jahren waren Angestellte und Berater in der Bank der einzige Berührungspunkt für den Kunden. 1970 gab es die erste technologische Innovation: den Bankautomaten. Zum Geldabheben ersparte die Maschine den persönlichen Kontakt. In den 80ern startete bereits eine Form des Onlinebanking im BTX-Format. Im Laufe der Jahrzehnte wurde Onlinebanking kontinuierlich verbessert und sicherer gemacht.

Das digitale Konsumverhalten des Kunden von heute fordert allerdings mehr als nur digitale Services rund um das Bankangebot selbst: Seit Anfang des 21. Jahrhunderts fokussiert sich die Fintech-Branche auf die Digitalisierung der Bankenprozesse. Nach Anläufen in der Vergangenheit haben wir jetzt den Durchbruch: Anlageempfehlungen oder Kreditanträge sind so in Echtzeit realisierbar, Forderungsmanagement wird nachhaltig digital abgebildet.

Artificial Intelligence, AI, ermöglicht dies. Begrifflichkeiten werden dabei oft durcheinandergebracht: Machine Learning ist ein Teilgebiet von AI und Deep Learning wiederum ein Teilgebiet von Machine Learning. AI bringt eine technologische Singularität mit sich: Die Maschine lernt, komplexe Prozesse in Echtzeit zu durchlaufen, und wird  – selbstlernend – immer besser. Jegliche kognitive automatisierbare Aufgabe, die Intelligenz erfordert, entscheidet die AI. Sie eliminiert menschliche Fehler, wiederholt und optimiert Erfolge und stoppt Misserfolge. Beispiele sind Bilderkennung, Übersetzung, Spracherkennung, autonomes Fahren, Chatbots. Googles DeepMind schlägt mit ihrer AI beispielsweise den besten Go-Spieler der Welt. Bei digitalen Forderungen, wie sie collectAI umsetzt, wird der Kunde auf Basis der Uhrzeit, Tonalität sowie des Kanals zum bestmöglichen Ergebnis erreicht. Die automatisierte Analyse des Kundenverhaltens über Machine-Learning-Mechanismen führt zu höheren Conversions und besserer Kundenzufriedenheit.

Eine schiere Masse an Daten und AI-Algorithmen kann auch für die Finanzindustrie prozessiert werden. Der Paradigmenwechsel: In der alten Welt „löst“ die Software das Problem. Entscheidungen sind dabei starr und immer nach dem gleichen Prinzip, unabhängig vom Ergebnis. Fintech-Anbieter analysieren mithilfe der AI-Daten Ergebnisse, die zurück in die Software eingespeist und so kontinuierlich verbessert werden. Die Entscheidungen der AI-Technologie eines Services, über die wir heute sprechen, können genau zu diesem Zeitpunkt anders sein als zehn Minuten später.

Weitere Teile der Wertschöpfungskette bei Banken werden zukünftig durch AI-Mechanismen smart gemacht werden; personalisierte Angebote und Anlageberatung, Chatbots, Voice Banking, Compliance, Risk Management, Fraud Detection sind nur einige Bereiche. Klar ist: AI ist nicht aufzuhalten, sie wird die Finanzbranche revolutionieren. Die Berufswelt hat neue Anforderungen. IT-Kenntnisse werden immer wichtiger. Wer seine Karriere erst startet, sollte sich statt für den Klassiker BWL lieber für kombinierte Studiengänge entscheiden, wie Informatik, Data Science, Agile Product Development. Künstliche Intelligenz ist kein Konkurrent in der Arbeitswelt, sondern unser Kollege – bereits heute.

 

Dr. Saskia Appelhoff

Chief Marketing Officer Raisin

 

 

Unaufhaltbarer Wandel

Neue Technologien haben die Bankenbranche in den vergangenen zehn Jahren stark verändert. Das liegt nicht zuletzt auch an dem Kundenverhalten, das sich ebenfalls sehr gewandelt hat. Während die meisten ihre Bankgeschäfte früher vor allem in der Filiale erledigt haben, nutzen viele Verbraucher heutzutage Onlinebanking. FinTechs entsprechen den digitalen Bedürfnissen der Nutzer und bieten unkompliziert und sicher sowohl Onlinebanking als auch andere Finanz-Dienstleistungen. Eines hat sich allerdings bislang nicht verändert: Die Liebe der Deutschen zu Fest- und Tagesgeldern. Laut Studien sind andere Geldanlagen, wie beispielsweise Aktien, für die meisten immer noch zu riskant.

Doch auch hier eröffnen FinTechs mit ihren neuen Technologien Möglichkeiten, die traditionelle Banken nicht zur Verfügung stellen können. Über Online-Plattformen lassen sich Tages- und Festgelder europaweit vergleichen. Nutzer können aus verschiedenen Angeboten das für sie passende auswählen und direkt übers Internet anlegen. Fest- und Tagesgeldkonten können mittlerweile unkompliziert von zu Hause aus abgeschlossen werden. Die Einlagensicherung der jeweiligen Länder gewährt die gewohnte Sicherheit. In Zukunft wird sich das Angebot auch noch deutlich erweitern. Denn: zum einen öffnen sich immer mehr europäische Banken ausländischen Privatanlegern.  Zum anderen arbeitet die Europäische Kommission seit einiger Zeit an einer gemeinsamen Einlagensicherung für alle Mitgliedstaaten, um eine Bankenunion zu schaffen. Für Anleger bedeutet das eine Vielzahl an Möglichkeiten. Sie profitieren von den innovativen Produkten, die FinTechs Mithilfe neuer Technologien deutlich schneller entwickeln und umsetzen können als traditionelle Banken. So konnte Raisin in den letzten vier Jahren schon mehr als 100.000 Kunden für sich gewinnen und mehr als 4,5 Milliarden EUR an Einlagen vermitteln.

 

Dr. Manuela Rabener

CMO & Co-Founder UK Scalable Capital

 

 

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Digitale Vermögensverwalter, oft Robo-Advisor genannt, sind mit dem Ziel angetreten, auch Kleinanlegern eine professionelle Geldanlage zu ermöglichen. Wenn es um das Thema Sicherheit geht, sollten vor allem zwei Aspekte Sparern das Vertrauen geben, einen der neuen Anbieter zu nutzen. Zum einen sind Vermögensverwalter (nicht jedoch Finanzportfoliovermittler) von der BaFin regulierte Finanzdienstleistungsinstitute nach §32 Kreditwesengesetz. Damit geht einher, dass bestimmte Vorschriften zur Einlagensicherung sowie zur Behandlung der Kundenportfolios als Sondervermögen, das kein Teil der Insolvenzmasse ist, eingehalten werden. Zum anderen muss die Geeignetheit der Geldanlage für den Sparer geprüft werden. Dies erfolgt im Rahmen der Geeignetheitsprüfung im Rahmen der Anmeldung für den Service.

Für die Auswahl eines konkreten Anbieters sollte man sich nun als Nächstes fragen, wie es mit der Unabhängigkeit bei der Auswahl der Anlageinstrumente bestellt ist, wie attraktiv und transparent die Gebührenstruktur ist und ob bzw. wie der Anbieter Risiken im Portfolio misst und in Schach hält. Hier gibt es große Unterschiede: Manch ein Anbieter nutzt nur Anlageprodukte des eigenen Hauses, auch wenn es bessere Alternativen am Markt gäbe. Andere berechnen Performance-Gebühren, die - so gut sie auf den ersten Blick klingen - im langfristigen Durchschnitt zu erheblichen Mehrkosten führen. Zu guter Letzt gibt es nur wenige Anbieter, die moderne Technologie nutzen, um Risiken laufend zu messen und Portfolios so anzupassen, dass ihr Risiko im Zeitablauf stabil bleibt. Hier lohnt sich also der genaue Vergleich.  

 

Lisa Hütteroth

Head of CRM Friendsurance

 

 

Kundenorientierung als Erfolgsfaktor

Jeden Monat kommen neue Insurtech-Start-ups auf den Markt, die das bestehende Angebot im Versicherungsbereich weiterentwickeln. Allein in Deutschland flossen 2016 mehr als 70 Millionen Euro in innovative Geschäftsmodelle von Insurtechs. Welche der einzelnen Anbieter sich langfristig durchsetzen können, bleibt abzuwarten. Das größte Potenzial wird allgemein Blockchain, Internet of Things und Artificial Intelligence beigemessen. Die besten Erfolgschancen haben sicherlich Modelle, die Versicherungen entlang der kompletten Wertschöpfungskette nicht nur kundenfreundlicher machen, sondern ihre gesamte Organisation kundenzentriert ausrichten. Das bedeutet, einen Service immer entlang der Kundenbedürfnisse und unabhängig von eigenen Sichtweisen zu entwickeln, um dementsprechend komplett kundenfokussiert zu agieren.

P2P-Versicherungen bald Marktstandard

Eines der Modelle, das sich konsequent am Kunden orientiert, sind Peer-to-peer-Versicherungen (kurz: P2P), so wie Friendsurance. Diese schaffen kleine Gruppen innerhalb der großen Versicherungsgemeinschaften und belohnen Schadensfreiheit innerhalb dieser Gruppen mit Bonuszahlungen. Dadurch werden Versicherungen günstiger, gleichzeitig wird ein positiver Anreiz gegen Betrug geschaffen. Als Friendsurance 2010 mit diesem P2P-Modell startete, waren wir weltweit der einzige Anbieter. Mittlerweile gibt es über 30. Das bestärkt uns in der Annahme, dass sich P2P-Versicherungen mittelfristig zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Versicherungslandschaft entwickeln werden.

Bancassurance als nächster Trend

Ein weiterer Trend, den wir sehen, ist, dass immer mehr Kunden ihre finanziellen Angelegenheiten an einer Stelle bündeln möchten. Deshalb werden in Zukunft digitale Bancassurance-Modelle immer wichtiger, die es dem Kunden erlauben, direkt aus dem Onlinebanking heraus Versicherungsgeschäfte abzuwickeln. So lassen sich Kundenzufriedenheit und Kundenbindung nachhaltig steigern.

 

Sara Amini

Entrepreneur in Residence bei FinCompare

 

 

Die Erfolgsformel: Digitale Prozesse mit persönlicher Beratung

Bei der Entwicklung der Digitalisierung stehen wir in der Banking- und Finanz-Branche derzeit bei etwa 30 Prozent (noch relativ am Anfang). Knapp ein Drittel im so genannten Corporate Finance, also der Unternehmensfinanzierung, sind somit bereits als digitaler Prozess vorhanden, der Rest von rund 70 Prozent sind immer noch die persönliche Beratung. Das ist bereits eine rasante Entwicklung, wenn wir uns das im Verhältnis zu den letzten zehn Jahren ansehen. Vor  zehn Jahren gab es die persönliche Beratung nur in der Bank oder im Versicherungswesen.

Wir Fintechs fokussieren uns auf Tech-Lösungen, aber wir wissen auch, dass für eine komplette Digitalisierung der Branche noch ein langer Weg gegangen werden muss, der “heute” schon mit den ersten Schritten begonnen wird. Im Corporate Finance-Bereich ist eine Kombination aus digitalem Know-how und persönlicher Beratung der Schlüssel zum Erfolg. Wenn wir uns einen Blick in die Zukunft zutrauen und auf die nächsten fünf Jahre blicken, wird das Verhältnis sicher anders aussehen: Da sprechen wir dann von 90% digitalen Prozessen und möglicherweise nur noch von 10% persönlicher Beratung. Ziel der Digitalisierung und aller FinTechs ist es ja, den Kunden aus dem Offline-Modus rauszuholen und sein Verhalten nachhaltig zu digitalisieren. Der Fokus liegt also auch langfristig auf der Weiterentwicklung der smarten, integrativen Technologie und nicht mehr auf dem klassischen Vertrieb. Dennoch wird “Corporate Finance 2.0” meiner Meinung nach auch in Zukunft Vertrauenssache sein, denn schließlich geht es ja bei Unternehmensfinanzierungen schnell um sieben- bis achtstellige Beträge.

Das persönliche Gespräch, die unabhängige Beratung und das Bestreben, immer das Beste für den Kunden zu erreichen - diese zwischenmenschlichen Komponenten werden vielleicht nie digitalisiert werden - und das ist doch auch eine schöne Vorstellung.

Mehr Informationen über die Fintech Ladies finden sie auf www.fintechladies.com.