Herr Maschmeyer, viele Statistiken zählen 99,6 Prozent aller deutschen Unternehmen zum Mittelstand. Macht der Begriff überhaupt noch Sinn? Wie definieren Sie „Mittelstand“?

Mittelständische Unternehmen sind für mich überall dort, wo Erfindungen gemacht und Patente erteilt werden, wo Wachstum stattfindet, wo Mitarbeiter eine enge Bindung zum Unternehmen haben, wo die Finanzierung solide ist, wo ausgebildet wird, wo die Firma oftmals seit Generationen in Familienhand ist, wo klare Eigentümerstrukturen vorherrschen.

Start-ups, also innovative und dynamische Jungunternehmen, können für mich auch zum Mittelstand gehören, wenn sie nach erfolgreichem Start ausreichend Umsatz haben, Gewinn erzielen und die Gründer noch viele Anteile halten. Die Debatte über formale Definitionen zum Mittelstand und welche davon sinnvoll sind, überlasse ich lieber den Volkswirten und Statistikern.

Das klassische, gesamt-gesellschaftliche Verständnis des Begriffs hebt darauf ab, dass der Mittelstand die tragende Stütze der Gesellschaft ist, quasi Herz und Seele einer Volkswirtschaft. Was ist davon übrig geblieben? Maß- und tonangebend scheinen jedenfalls andere „Player“ zu sein.

In der Tat: Die Unternehmenswelt hat sich geändert. Es treten neue Player auf den Markt, vor allem Technologie- und Internetkonzerne, die die Bedeutung der klassischen Industriebranchen zurückdrängen und innerhalb von wenigen Jahren zu milliardenschweren Unternehmen werden. Ein bekanntes Beispiel ist der Musikstreamingdienst Spotify: Die Firma wird mit mehr als 20 Milliarden Euro bewertet und schrieb 2017 über eine Milliarde Verluste.

Da fragt man sich: Wird daraus jemals ein profitables Business? Das ist das Gegenteil von gesunden Mittelstandsunternehmen, die nicht börsennotiert und nachhaltig profitabel sind. Diese mittelständischen Unternehmen haben eine prägende und stützende Funktion innerhalb einer Volkswirtschaft – und das muss beibehalten werden, gerade in Deutschland.

Die spektakulären technologischen Fortschritte der letzten zehn, 15 Jahre haben völlig neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Überspitzt formuliert lässt sich viel Geld „von der Couch aus“ verdienen – ohne Angestellte, ohne Büro, ohne Logistik. Was bedeutet das eigentlich für unser Wirtschaftssystem?

Das ist tatsächlich sehr überspitzt dargestellt, da in den Services rund um diese Tech-Start-ups sehr viele Menschen auch zuarbeiten – nur eben outgesourct. Ich bin überzeugt: Ein Unternehmen wird langfristig nur dann erfolgreich sein, wenn hinter dem Geschäftsmodell Substanz ist – in Form von echten Umsätzen, Kunden und Produkten oder Dienstleistungen, die einen Mehrwert bieten. Das schließt nicht aus, dass neue Ideen neue Geschäftsmodelle hervorbringen.

Die größte Übernachtungsvermittlung – Airbnb – besitzt keine eigenen Zimmer. Blacklane – die weltweit tätige Limousinenplattform – besitzt selbst keine Autos. Aber in den Tausenden angeschlossenen Limousinenfirmen haben die Fahrer einen sicheren Job mit guten Einnahmen. Solche Unternehmen bieten ihre Dienste innerhalb kürzester Zeit über das Internet weltweit an. Für unser Wirtschaftssystem bedeutet das, dass wir zusammenwachsen und die Chance haben, andere Märkte schneller zu erschließen. Gleichzeitig müssen wir die Herausforderung bewältigen, in stärkerer internationaler Konkurrenz zu stehen.

Sie engagieren sich schon lange aktiv und erfolgreich – seit einigen Jahren auch im Fernsehen – „in Sachen Start-up-Unternehmen“. Was macht in Ihren Augen ein vielversprechendes Start-up aus? Ist es die Idee? Sind es die Leute? Der Businessplan? 

Für mich zählen zuerst die Menschen. Ich sage immer: „Für mich gibt es keine guten Unternehmen, sondern nur gute Unternehmer.“ Natürlich will man als Investor ein perfektes, sich in den Stärken ergänzendes Team mit einer einzigartigen Idee haben. Aber wenn ich mich entscheiden muss, investiere ich lieber in ein First-Class-Team und in ein Second-Class-Produkt als umgekehrt.

Denn mit einem guten Team kann man Produkte verbessern, umgekehrt nicht. Und was die Idee angeht, erwarte ich immer einen Superlativ: Das Produkt oder die Dienstleistung muss schneller, günstiger, besser, einfacher sein oder bereits die meisten Anwender oder Käufer haben. Wenn mindestens eines dieser Kriterien erfüllt ist, dann hat die Idee gute Chancen, am Markt erfolgreich zu werden.

Was raten Sie jungen Menschen, die eine gute Businessidee haben? Was ist das Allerwichtigste?

Zuerst sind komplementäre Fähigkeiten innerhalb eines Gründerteams sehr wichtig: Drei strategische Analytiker, die an derselben Uni dasselbe Fach beim selben Professor studiert haben, sind zwei zu viel. Da müssen beispielsweise noch ein Kreativer und ein Verkäufertyp dabei sein. Zudem sollten Gründer kommunikativ, kreativ und fortbildungsbereit sein und sich immer selbst reflektieren.

Große Herausforderungen erfordern von Gründern Mut, positive Geisteshaltung und enorme Willenskraft. Und ein hohes Durchhaltevermögen, denn es wird auch mal schwierigere Phasen geben, in denen man jederzeit und überall mit anpacken muss. Und außerdem müssen Gründer ihre Mitarbeiter gut motivieren und souverän führen können.

Wieso müssen Unternehmen eigentlich immer wachsen? Warum lässt sich nicht irgendwann sagen, „Jetzt ist alles perfekt, wir haben genau die richtige Anzahl Beschäftigter, verdienen gutes Geld, entwickeln ab und zu ein neues, erfolgreiches Produkt – so kann es bleiben“

Wachstum bedeutet ja nicht zwingend mehr Produkte oder immer mehr Mitarbeiter. Wachstum bedeutet auch Verbesserung: bessere medizinische Behandlung, sicherere Autos, gesündere Lebensmittel, effektivere und schnellere Dienstleistungen, sauberere Produktionsmethoden. Damit schafft Wachstum ein besseres Leben für die Menschen. Wachstum meint nicht nur Masse, sondern auch Klasse.

Sie stehen im Fahrstuhl und hören zwei junge Leute über eine Idee sprechen, die Sie – soweit Sie es beurteilen können – auf Anhieb ziemlich genial finden. Was machen Sie?

Ich lade sie sofort zu einem Erstgespräch ein und diskutiere mit ihnen ausführlicher über ihre Idee: wie unique diese ist, wem sie nützt, was die Anwender beziehungsweise Kunden dafür bezahlen würden, wie groß der Markt ist, wie die Vertriebsstrategie ist. Wenn ich dann immer noch begeistert bin, vereinbaren wir einen Termin gemeinsam mit meinem Profi-Investmentteam von seed & speed Ventures, die auf frühphasige Start-ups – teilweise auch pre-launch – spezialisiert sind.

Überall hört man andauernd „Digitalisierung“ – ist das eigentlich auch mal wieder vorbei? Ist nicht inzwischen schon alles digital? Was heißt denn diese „Digitalisierung“ für Unternehmen?

Wann die Digitalisierung wieder vorbei ist? Das erinnert ja fast an Kaiser Wilhelm, der meinte: „Das Auto ist eine vorübergehende Erscheinung“ (lacht). Im Ernst: Wir sind bei der Digitalisierung erst am Anfang, sie wird alle Lebensbereiche tief greifend verändern – und zwar meist positiv! Digitalisierung wird uns mehr Lebensqualität verschaffen, effizienteres Wirtschaften ermöglichen und neue Geschäftsmodelle hervorbringen.

Für Unternehmen heißt das vor allem, dass sie die neuen Entwicklungen nicht verpassen dürfen, denn zukünftig werden die schnelleren Unternehmen mit effektiveren Prozessen und der Nutzung künstlicher Intelligenz Wettbewerbsvorteile haben – und nicht mehr die bisher noch größeren.

Und meine Hoffnung ist, dass die Politik in Deutschland nun auch endlich erkannt hat, dass wir Gefahr laufen, das alles wie bisher zu verschlafen, denn Monopolunternehmen wie Facebook, Google, Apple, Amazon sind alle in den USA. Gott sei Dank haben wir in Deutschland so viele Hidden Champions im Mittelstand, die Weltmarktführer sind.

Wie sollten Unternehmen sich aufstellen, was gilt es – vielleicht besonders für Unternehmen, die es schon lange vor der Digitalisierung gab – zu beachten, um diese Entwicklung gut zu überstehen, vielleicht sogar davon zu profitieren?

Unternehmen sollten für ihre Branche die Möglichkeiten der Digitalisierung genau prüfen. Wo gibt es sinnvolle Möglichkeiten, neue Technologien einzusetzen? Mit welchen Start-ups kann ich kooperieren? Denn man muss nicht alles selbst entwickeln, meist können das die Leute, die das etablierte Business steuern, nicht parallel.

In der Zusammenarbeit liegt nach meiner Überzeugung die Zukunft. Traditionelle Unternehmen haben viele Vorteile, die junge Unternehmen nicht haben: Bekanntheit, Vertrauen im Markt, viele Kunden und starke Kundenbindungen. Start-ups hingegen punkten durch ihre Schnelligkeit und Innovationsfreude. Ein Miteinander unter Nutzung der jeweiligen Stärken ist für beide oft lohnender, als weiterhin alleine vor sich hin zu werkeln.

Ein weiteres großes Thema ist für viele Branchen der Personalmangel. Was muss passieren? Mehr Ausbildung? Mehr Zuwanderung?

Personal- und Fachkräftemangel ist aktuell ein großes Wachstumsrisiko für die deutsche Wirtschaft. Und der Mangel wird dramatisch zunehmen: Bis 2030 werden laut einer Prognos-Studie drei Millionen Fachkräfte in Deutschland fehlen. Diese Entwicklung wird ganz besonders kleinere und mittlere Unternehmen treffen, weil sie in Konkurrenz zu den großen Namen stehen.

Das Problem kann auf verschiedene Weise verringert werden: Kein junger Mensch darf vernachlässigt werden bei der Ausbildung; erfahrene Menschen sollen, wenn sie körperlich dazu in der Lage sind, Anreize erhalten, länger zu arbeiten; die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss vor allem für Frauen weiter verbessert werden;  und auch eine gesteuerte Zuwanderung von qualifizierten Arbeitskräften kann helfen, das Problem zu verringern. Den War for Talents gewinnen die Firmen, die Recruiting zur A-Priorität erklären und mit Herz und Ehrlichkeit ihre Leute gut führen und motivieren.

Was sich auch verändert, ist die Rolle von Nachhaltigkeit und Ökobewusstsein: Gehört ein „kleiner Fußabdruck“, ein „ethisches Wirtschaften“ heute schon zu den Wettbewerbsvorteilen – oder geht es in Wahrheit weiter nur um die nächsten Quartalszahlen?

Wirtschaft, Ökologie und Ethik sind heute keine konkurrierenden Bereiche mehr. Und viele Unternehmen haben erkannt, dass ethisches Wirtschaften auch Wettbewerbsvorteile bringt. So machen Kunden zunehmend auch die Produktionsumstände zum Kriterium bei ihren Kaufentscheidungen und urteilen nach Kriterien wie: Verzichtet das Unternehmen auf Kinderarbeit, hat es eine ausgeglichene Ökobilanz? Das zeigt: Quartalszahlen bleiben zwar wichtig, aber Nachhaltigkeit wird immer mehr zu einem weiteren bestimmenden Faktor.

Man liest zurzeit immer, dass „in 20 Jahren die Hälfte aller Arbeitsplätze von Robotern“ erledigt werden – wie schätzen Sie diese Entwicklung ein? – vor allem mit Blick auf kleinere Unternehmen?

Wenn es um Standardprozesse geht, die einfach automatisiert werden können, bin ich überzeugt, dass immer mehr Aufgaben von Robotern übernommen werden – und das sind doch auch oft stupide, langweilige Tätigkeiten. Hier werden wir tiefgreifende Veränderungen erleben, die aber genau in diesen Automatisierungsbereichen Jobs schaffen, denn die Roboter müssen auch von arbeitenden Menschen erfunden, gebaut, programmiert und gewartet werden. Gleichzeitig werden durch künstliche Intelligenz auch komplexe Fragen gelöst, z.B. in der medizinischen Diagnose oder bei der Analyse von juristischen Texten.

Was bedeutet diese technologische Revolution für unsere heimischen Unternehmen? Einerseits, dass Sie das Risiko haben, diese Entwicklung zu übersehen und den Vorsprung anderer nicht mehr aufholen. Und andererseits die Chance haben, diese neuen Technologien für ihren Bereich einzusetzen, um besser, schneller, effizienter oder günstiger produzieren zu können.

Wo sehen Sie (darüber hinaus) die größten Herausforderungen der nächsten Jahre?

Der Fachkräftemangel und die Umsetzung der Digitalisierung gerade im Mittelstand sind sehr große Herausforderungen. Und auch, dass Europa ein attraktiverer Standort für Unternehmensgründungen wird. Dafür braucht es deutlich mehr Wagniskapital. Im Vergleich zu Asien und USA ist Europa hier weit abgehängt. Der Markt für Venture Capital ist in USA zehn Mal so groß wie in Europa. Das hat Auswirkungen darauf, wo neue Unternehmen und neue Technologien entstehen. Aktuell zieht es zu viele weg aus Europa. Damit sollten wir uns nicht abfinden. Im Gegenteil.