Der Anfang war weiblich

 

Als Computer noch nicht in unseren Alltag eingezogen waren und das Fach Informatik neu an den Universitäten eingeführt wurde, war fast die Hälfte der Studenten weiblich. Nachdem die Computerindustrie boomte und ihre Produkte vorwiegend an Männer vermarktet wurden, gab es einen plötzlichen Rückgang der weiblichen Studenten in der Informatik.

Somit hat die Werbung mit ihren Marketingkampagnen erheblichen Einfluss auf den heutigen Fachkräftemangel im IT-Bereich.

Dabei hatte es alles so gut angefangen. Die erste weibliche Programmiererin, Grace Hopper, arbeitete erfolgreich für IBM in den 60er Jahren. Mit dem Erfolg des Computers für die Heimnutzer verschwand nicht nur sie aus ihrem Beruf. Es kamen auch keine neuen weiblichen IT-Spezialisten nach.

 

Dringend gebraucht

Mit der Digitalisierung, dem Internet der Dinge und Artificial Intelligence werden mehr IT-Spezialisten gebraucht als jemals zuvor. Fast jede Industrie ist auf sie angewiesen. Gerade der Sicherheitssektor klagt über einen Mangel.

Die besondere Herausforderung: IT-Fachkräfte müssen heute möglichst praxisnah arbeiten können. Vor allem in kleineren Betrieben sollen sie sehr vielfältige Aufgaben übernehmen, die über das bloße Programmieren weit hinausgehen.

 

Vielfältiges Aufgabengebiet

 

Im Zuge der Digitalisierung durchdringen Aufgaben rund um das Schlagwort „Informationstechnik“ immer mehr Bereiche. Jobs und Karrieremöglichkeiten in der IT-Branche gehen inzwischen weit über die Typischen Informatiker oder Netzwerkadministratoren hinaus. In den letzten Jahren sind zahlreiche neuere Aufgabengebiete entstanden, die sich meist mit anderen Disziplinen überschneiden:

  • Datenspezialisten etwa kümmern sich um die Analyse und Auswertung von Daten, aus denen wichtige Informationen herausgelesen werden können, etwa zur Optimierung von Unternehmensprozessen oder zu Marketingzwecken. Auch die visuelle Aufbereitung im Anschluss gehört zu möglichen Aufgabengebieten. Hier bietet sich Potential für Quereinsteiger. Jobs sind dabei sowohl in der Industrie, als auch im Handel oder bei Serviceunternehmen zu finden. 

 

  • Das Thema IT-Recht und Datenschutz ist spätestens seit Einführung der DSGVO ein wichtiger Punkt. Viele Unternehmen haben nach wie vor Bedarf an Unterstützung und fachlicher Beratung für eine rechtssichere Ausrichtung ihrer Geschäftstätigkeiten im digitalen Bereich. Nicht nur als Datenschutzbeauftragter, auch als unabhängige Consulter ist dabei eine Tätigkeit möglich.

 

  • Sicherheit ist ohnehin ein wichtiger Faktor in diesem Zusammenhang und bietet weitere Berufsmöglichkeiten. Soll etwa ein umfassendes Sicherheitskonzept für ein Unternehmen implementiert werden, helfen die IT‑Spezialisten dabei, sämtliche Bereiche mit zu berücksichtigen. Von der passenden Softwarelösung bis hin zur sicheren Datenverwaltung und –speicherung – digital als auch physisch. Das Implementieren solcher Sicherheitslösungen und Tresore zur Aufbewahrung von Datenträgern gehört für viele ebenfalls zum Arbeitsalltag. Auch Spezialisten für Datenrettung sind gefragt.

 

  • Die Schulung und Weiterbildung ist ebenfalls ein Bereich mit hohem Jobpotential. Im Zuge der Digitalisierung besteht in vielen Unternehmen Bedarf, die Mitarbeiter für den (sicheren) Umgang mit der IT-Infrastruktur und für neue Abläufe und Aufgaben in diesem Zusammenhang zu rüsten.

 

  • Schließlich gibt es das weite Feld der IT-Unternehmensbewertung bzw. den Bereich der digitalen Transformation. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen haben einen großen Bedarf an Beratung zu diesem Thema. IT-Experten unterstützen sie dabei, ihre Betriebe fit für das digitale Zeitalter zu machen. Auch hier gibt es wiederum Möglichkeiten für eine zusätzliche Spezialisierung, beispielsweise in die Richtung Industrie 4.0 und IOT (Internet of Things) oder bei der Neuausrichtung von Datenbanksystemen im kaufmännischen Bereich. 

Warum der Mangel an Frauen ein Verlust ist

 

Es geht nicht nur um die unbesetzten Stellen, sondern auch um die weibliche Arbeitsweise. So sind weibliche IT-Fachkräfte häufig akribischer und genauer als ihre männlichen Kollegen. Oft fehlt die weibliche Perspektive in der Entwicklung.

Gerade im Bereich der User Experience zeigen Frauen ihre Stärke. Hier geht es um die Produktentwicklung im Zusammenhang mit dem Gebrauch für den Kunden. Frauen können sich oft in die potentiellen Probleme der Nutzer oft besser hineinversetzen. So kann ein Unternehmen Kosten durch Früherkennung einsparen. Denn das Produkt muss nicht erneut überarbeitet werden.

Foto: pixabay.com, © Free-Photos, CC0 Public DomainFoto: pixabay.com, © Free-Photos, CC0 Public Domain

Was ist die Lösung?

 

Der Mangel an IT-Spezialisten wird von Verbänden und Politikern gleichermaßen beklagt. Folgende Lösungen sind einzeln oder im Zusammenspiel denkbar.

 

1. Bildung

 

Wer in Deutschland einen MINT-Beruf ergreifen möchte, muss studiert haben. Aber muss das sein? Muss ein Webentwickler wissen, wie hochkomplexe Informatik für die Industrie funktioniert? In Deutschland gibt es nur den Studiengang Informatik, der für viele Unternehmen die Einstiegskarte in einen MINT-Beruf ist. Dabei wäre eine Vielzahl an Ausbildungsprogrammen für einzelne, technische Berufe viel sinnvoller.

Studierende könnten schneller in den Beruf einsteigen und hätten eine Spezialisierung, die sie auf dem Arbeitsmarkt einzigartig macht. Das kann auch Frauen zugutekommen.

 

2. Weiterbildung

 

Der Quereinstieg als IT-Fachmann ist fast unmöglich. Es würde bedeuten das Informatikstudium nachzuholen. Funktionelle Weiterbildungsmaßnahmen für Quereinsteiger müssen geschaffen werden. Davon können auch interessierte Frauen profitieren, die derzeit vor einem Studium zurückschrecken,

 

3. Beruf und Familie

 

Dieses Thema betrifft natürlich nicht nur die MINT-Branche. Trotzdem muss für einen höheren Anteil an Frauen im Beruf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gewährleistet sein. Hier sind Regelungen zum Home-Office denkbar. Auch die Kinderbetreuung durch Unternehmen muss verbessert werden.

 

4. Verlust durch Teilzeitkräfte

 

Manche Unternehmen möchten ihren Bedarf an Spezialisten durch Teilzeitkräfte decken. Hier geht es besonders für die Unternehmen darum Kosten zu sparen. Ausgebildete Fachkräfte sind teuer, ob weiblich oder männlich. Eine Sparpolitik in diesem Bereich schadet dem Ansehen des Berufes.

 

5. Einwanderung

 

Länder wie die USA, Neuseeland und Kanada machen es bereits vor. Fachkräfte dürfen einreisen und die Staatsbürgerschaft beantragen, wenn sie gesuchte Qualifikationen mitbringen. Dabei geht es nicht alleine um die Ausbildung. Einige Länder haben für besonders gefragte Berufsgruppen, wie Softwareentwickler, eigene Tests entwickelt.

Einwanderung für Fachkräfte nach Deutschland gestaltet sich schwierig. Im weltweiten Buhlen um die Besten könnte Deutschland leer ausgehen.

 

6. Stellen national und international ausschreiben

 

Es gibt Pilotprojekte bei denen einzelne Unternehmen Fachkräfte aus Asien angeworben haben. Natürlich können sich das nur große Unternehmen leisten. Denn die Kosten für Sprachkurse, Umzug und behördliche Angelegenheiten trägt bislang das Unternehmen. Trotzdem sollten alle Firmen ihre freien MINT-Stellen zentral ausschreiben können. Das erhöht die Chance als Arbeitgeber wahrgenommen zu werden.

 

7. Interne Qualifizierung

 

Natürlich können Unternehmen ihren Bedarf durch interne Qualifizierung decken. Aber ein Studium bietet sich dafür nicht an. Es fehlen die Weiterbildungsprogramme, um eigene Mitarbeiter selbst zu qualifizieren.

 

8. Vorbilder und Equal Pay

 

Für Frauen fehlen besonders die Vorbilder. Wer jemanden kennt, der Ingenieur, Programmierer oder Entwickler ist, kann sich auch dafür interessieren. Leider werden die wenigen weiblichen Bewerberinnen im Auswahlverfahren strenger bewertet als ihre männlichen Kollegen. Vielleicht sollte auch in dieser Berufsgruppe über eine Frauenquote nachgedacht werden. Gleichzeitig verdienen Frauen weniger als ihre männlichen Kollegen bei gleicher Arbeit.

 

Die Digitalisierung betrifft uns alle

 

Kompetenzen im Umgang mit dem Computer und dem Internet sind für alle Arbeitnehmer essentiell geworden. Um dem großen Bedarf an Know-How gerecht zu werden, müssen Unternehmen in ihre Mitarbeiter investieren. Firmen dürfen sich nicht auf dem freien Arbeitsmarkt verlassen, wo nicht alle Kompetenzen gleich stark vertreten sind.