In den USA sind durch Venturecapital  finanzierte Firmen bereits für elf Prozent der Jobs in der Privatwirtschaft verantwortlich, und auch unsere Bundeshauptstadt Berlin hätte eine tiefrote Arbeitsplatzbilanz ohne den Boom der primär digitalen Start-ups zwischen Spandau und Köpenick, von denen der Großteil in der ein oder anderen Form über Wagniskapital, also per Venturecapital, finanziert ist.

Das Konzept des Venturecapitals basiert dabei auf der Kernprämisse, dass der Kapitalgeber Eigenkapital gibt, also mit ganz ähnlichem Risiko, aber auch ähnlicher Renditeaussicht wie der Unternehmer selbst investiert. Sicherheiten, wie im Bankenbereich üblich und oft Grundvoraussetzung für einen Kredit, gibt es hier nicht.

Und erst so bekommen auch Unternehmer Kapital, die nicht schon mehrere Häuser zum Verpfänden besitzen, zugespitzt gesagt also substanziell geerbt haben. In der Regel bekommt man das Geld von der Bank also nur, wenn man es schon hat, was volkswirtschaftlich gesehen nur einen sehr begrenzten Wert schafft.

Der Venturecapital-Investor beteiligt sich also am Unternehmen und bekommt entsprechend Anteile an dieser Unternehmung. Somit stimmen die Interessen des Entrepreneurs und des Investors erst mal grundsätzlich überein, denn beide Seiten profitieren direkt vom Erfolg. So weit zumindest die Theorie.

Die Praxis ist – wie so oft – „geringfügig“ komplexer: Das Erreichen eines möglichst harmonischen Miteinanders zwischen Unternehmer und Investor ist sowohl Kunst als auch Wissenschaft und wird dadurch noch komplizierter, dass in aller Regel nach einer Finanzierung vor einer Finanzierung ist, ein Unternehmer also eine Vielzahl an Investoren mit teils ganz unterschiedlichen Anlagemotiven und -horizonten zu koordinieren hat.

In einem Wirtschaftszeitalter, das zweifelsohne von zunehmender Technologisierung und Digitalisierung dominiert wird, assoziiert man das Wort Innovation unweigerlich mit den USA, insbesondere mit dem Silicon Valley. Doch war der Innovationsgedanke seit jeher auch ein grundlegender Bestandteil der deutschen Wirtschaftskraft.

August Thyssen, August Borsig, Graf Zeppelin, Alfred Krupp, Werner von Siemens oder Max und Reinhard Mannesmann während der industriellen Revolution, Werner Otto, Rudolf-August Oetker, Josef Neckermann oder Max Grundig während der Zeit des Wirtschafswunders oder Heinz Nixdorf, Konrad Zuse, Hasso Plattner und Karlheinz Brandenburg während der frühen Digitalisierung – sie alle stehen für weitreichende, oft globale wirtschaftliche Erfolge der Vergangenheit.

Doch irgendwie haben wir dann stark nachgelassen: So waren die durch den DAX repräsentierten 30 wertvollsten Unternehmen Deutschlands im Jahr 2013 zumindest noch mehr wert als die fünf größten US-Techunternehmen, während heute allein Apple und der Google-Dachkonzern Alphabet fast doppelt so viel wert sind wie der gesamte DAX 30.

Der Umstand, dass Deutschland mit dem Beginn des digitalen Zeitalters keinen global wegweisenden Konzern hervorgebracht hat, ist sicher zumindest zum Teil auch dem hierzulande vergleichsweise schwach ausgeprägten Venturecapital-Markt  geschuldet und damit dem Mangel an Equity Culture. In den USA wird, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf, (je nach Studie) acht- bis 13-mal mehr Risikokapital investiert als in Deutschland.

So bleibt der deutsche Venturecapital-Markt wohl trotz guter Signale, wie beispielsweise der erfolgreiche Börsengang von Delivery Hero, noch eine ganze Weile ein vergleichsweise unterentwickelter Emerging Market. Doch diese Situation muss nicht zwangsläufig ein Nachteil sein, sondern stellt zugleich eine Chance dar. Da Finanzierungsrunden deutscher Start-ups aufgrund der klammen lokalen VC-Liquidität naturgemäß nicht so üppig ausfallen, wird hierzulande zwangsläufig schwäbischer, also kosteneffizienter, gearbeitet.

Für Investoren bildet sich dadurch ein interessantes Marktumfeld. Mit weniger Kapitaleinsatz beim Einstieg in eine konservativere Finanzierungsrunde und entsprechend weniger Risiko erhalten sie trotzdem ein attraktives Gewinnpotenzial. Aus diesem Grund begeben sich immer mehr US-amerikanische, aber auch französische oder UK-basierte Investoren auf die Suche nach attraktiven Start-ups aus Deutschland.

Hinzu kommen noch enorme Unterschiede bei den Gehältern, die sich auf eklatant unterschiedliche Lebenshaltungskosten zurückführen lassen. Während die Durchschnittsmiete in San Francisco bei fast 4.000 Dollar im Monat liegt, lässt es sich in Berlin trotz steigender Preise für 1.000 EUR angenehm leben.

Dabei sind wir zugleich keine Bananenrepublik, haben eines der verlässlichsten Rechtssysteme der Welt, eine moderate Unternehmensbesteuerung und ein effizientes und vergleichsweise einfach nutzbares Blue-Card-System zum „Import“ qualifizierter Arbeitskräfte aus der ganzen Welt, ein in Zeiten globaler politischer Abschottung dank Zunahme der Regierungsbeteiligung von schwachsinnigen, rückwärtsgewandten Populisten zunehmend wichtiger und unterschätzter Standortfaktor.

Ungläubig betrachten wir Deutsche, dass Deutschland immer wieder zum Standort Nummer eins für Entrepreneurship weltweit gewählt wird, ein „Hidden Champion“ quasi.

Für Investoren und Gründer ist Deutschland also ziemlich attraktiv. Und gute Unternehmer finden erfahrungsgemäß auch im vergleichsweise engen deutschen Venturecapital-Markt ihre Finanzierung. Kein Grund zum Heulen also. Packen wir es an.