Ein europäischer Reisender, der das erste Mal nach Lagos in Nigeria kommt, wird von Reizen überflutet. Nichts scheint in der westafrikanischen Stadt so zu sein wie in „Good old Europe“: das Klima mit einer Luftfeuchtigkeit um die 80 Prozent, die Geräusche und Gerüche, die Straßenhändler am Rande der großen Highways, Tausende von Autos, unzählige gelbe Busse des Public Transport, die die Straßen verstopfen.

Eine unvergleichliche Geschäftigkeit schwirrt durch die Stadt, die nur fünf Meter über dem Meeresspiegel liegt. Kein Mensch weiss, ob die nigerianische Finanz- und Wirtschaftsmetropole zehn oder 15 Millionen Einwohner hat.

Mittendrin in der zweitgrößten Metropole Afrikas: Lisa-Katharina Reßing.

Reßing ist als Bauingenieurin auf der Baustelle ihres Arbeitgebers, Julius Berger Nigeria, tätig. Das nigerianische Unternehmen mit deutschen Wurzeln baut für einen großen, weltweit aufgestellten Brand eine Fabrik für Windeln. Die junge Ingenieurin ist im Rahmen der Errichtung des Bauwerks, für den übrigens die gleichen internationalen Standards des Auftraggebers wie in Europa oder den USA gelten, im Projektmanagement im technischen Innendienst tätig.

Reßing, die von Kindesbeinen an Auslandserfahrung gesammelt hat – ihre Eltern waren Lehrer in einer deutschen Schule in Valencia – mag die afrikanischen Herausforderungen. „Improvisationskunst und vor allem cultural understanding gehören neben dem technischen Know-how bei einem solchen Auslandsarbeitsplatz als Rüstzeug zum Job dazu“, meint die 31-Jährige.

Anerkennung durch Kompetenz

Mit ihrer Rolle als berufstätige Frau in Afrika hat sie bislang keine Schwierigkeiten gehabt. „Wer fachliche Kompetenz nachweisen kann und ausstrahlt, der wird sehr schnell auch von männlichen Kollegen, aber auch von Zulieferern anerkannt“, betont die Ingenieurin.

Lisa-Katharina Reßings Stelle ist als Jobsharingmodell aufgebaut. Mit einem Kollegen wechselt sie sich zwischen der Baustelle in Lagos und dem Büro in Wiesbaden ab. „Unser Unternehmen hat dieses Arbeitsmodell entwickelt, um die Trennungszeiten von Partnern und Familie zu verkürzen und so, vor allem auch für Frauen, attraktiver zu machen“, erläutert Reßing. Darüber hinaus hat das Unternehmen festgestellt, dass durch das Jobsharing Kommunikationsverluste abgebaut werden können.

Moderne Arbeitsformen

Inzwischen sind diese Arbeitsplatzmodelle für das Unternehmen „state of the Art“. Neben dem Abbau von Reibungsverlusten ist es den Wiesbadenern gleichzeitig gelungen, attraktive Arbeitsplätze eben auch für junge Frauen zu bieten, die aufgrund ihrer familiären Situation nicht komplett ins Ausland wechseln wollen.

Auch für Lisa-Katharina Reßing ist dieses Jobsharing ausgesprochen spannend. Zwischen zwei Kulturen unterwegs zu sein, entspricht ihrem Naturell. „Zudem kann ich meinen Freundeskreis hier erhalten und muss nicht – wie nach einem sehr langen Auslandsaufenthalt üblich – mir neue Freundschaften aufbauen.“