Die MINT-Arbeitskräftelücke lag im September 2016 bei 203.500 Personen – 23,8 Prozent höher als im Vorjahr. Wo ist das Problem?

Viele Arbeitskräfte aus den geburtenstarken Jahrgängen gehen in den Ruhestand und zu wenige aus geburtenschwachen Jahrgängen rücken nach. Dieser Mangel an Nachwuchs stellt eine Wachstums- und Innovationsbremse dar, die den Wirtschaftsstandort Deutschland gefährdet. Ein weiterer Grund liegt im Matching-Problem. Also, die passende Arbeitskraft oder den passenden Arbeitsplatz mit spezifischen Schwerpunkten für eine bestimmte Region zu finden.

Eine der Bemühungen des Vereins zielt darauf ab, mehr Frauen für diese Studien- oder Ausbildungsgänge zu begeistern. Holen Frauen in MINT-Berufen auf?

Im Ingenieursbereich sind die prozentualen Zahlen seit Jahren konstant, in absoluten Zahlen entsprechen sie der zunehmenden Studienneigung. Im Fach Informatik ist großer Bedarf. Dafür gibt es verschiedenste Erklärungen. Wichtig ist, die Arbeitswelten so zu gestalten, dass sie den Frauen gerecht und die Gehälter angeglichen werden. Und Anreize zu schaffen, wie flexiblere Arbeitszeitmodelle für Mütter.

Was tut der Verein, um den Anteil der Frauen in den MINT-Berufen zu steigern?

Wir initiieren Tagungen und kooperieren mit Einrichtungen wie den Kammern, Verbänden und Unternehmen. Wir zeichnen Schulen mit MINT-Schwerpunkten aus. Derzeit sind es 1.300. Bundesweit stehen unsere 18.000 MINT Botschafter den Schulen zur Verfügung. Unser MINT-Navigator bindet bundesweit MINT-Initiativen ein, mit aktuellen Inhalten zum Thema Unterricht.

Es fängt bereits in der Schule an. Hier kommt es unter anderem auf das richtige Argumentieren an.

Wichtig ist auch die Einbeziehung der Eltern, um Vorbehalte zu entschärfen. Zum Beispiel sind viele Mädchen mit Migrationshintergrund sehr technikaffin. Bei der Berufswahl, sagen die Eltern aber häufig: „Stell Dich im Supermarkt an die Kasse. Du heiratest ja sowieso.“ Hier setzen wir an und klären Lehrer, Eltern und Schülerinnen über die spannenden Berufsfelder auf.

Mit welchen Maßnahmen versucht die Initiative ‚MINT Zukunft schaffen’ die Lücke zu reduzieren?

Was jetzt auf uns zukommt, ist zum Beispiel eine immer größer werdende Lücke im dualen Berufsbereich. Wir versuchen hier kontinuierlich junge Leute durch eine direkte, zielgruppengerechte Ansprache für eine duale Ausbildung zu begeistern. Das fängt bereits in den Schulen an. Hier kommt es unter anderem auf das richtige Argumentieren an.

Für Jungs ist es zum Beispiel wichtiger, später gut zu verdienen, während Mädchen mit ihrem Beruf auch etwas für die soziale Gemeinschaft tun wollen. Es ist also ein Anreiz, wenn sie MINT-Berufe kennenlernen, in denen das möglich ist.

Warum sind Frauen weniger für MINT-Berufe zu begeistern?

Das fängt damit an, dass Frauen angeblich von vornherein anders gepolt und eher im sozialen Bereich anzusiedeln sind. Das ist aus meiner Sicht ziemlicher Unsinn. Frauen waren in der Entwicklungsgeschichte schon immer im chemisch-biologischen Bereich tätig. Sie haben sogar das erste Bier gebraut.

Eine gute Ausbildung  fordert in jedem Bereich Anstrengungen. Frauen argumentieren, dass sie sich in dieser „Machowelt“ zu wenig wertgeschätzt fühlen. Das fängt mit der Gehaltsfrage an und geht bis hin zu fehlenden eigenen Sanitäreinrichtungen oder Arbeitskleidung.