Wir haben einen langjährigen Pädagogen gefragt, der inzwischen als ordentlicher Professor für Angewandte Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit mit dem Schwerpunkt Entrepreneurship an der Fachhochschule des Mittelstandes (Baltic College in Schwerin) lehrt, ob es bei den Business-Ideen, die ihm vorgestellt werden, genderspezifische Ausrichtungen gibt.

Herr Professor Hasenclever, aus Ihrer Erfahrung als langjähriger Pädagoge: Gibt es nun eigentlich ein Technik-Gen?

An dem alten Spruch „Männer sind in Problemfällen im Zweifelsfalle lösungsorientiert. Frauen suchen Solidarität, das heißt Kommunikation,“ ist wohl gesellschaftsbedingt immer noch etwas dran. Aber nein, es gibt natürlich kein Technikgen.

Technisch orientierte Studierende sind allerdings – so meine Erfahrung – an konkreten Aufgaben und an Dingen interessiert und weniger an Kommunikation und Organisation. Oft haben sie auch einen ausgeprägten technologisch-orientierten Spieltrieb. Andere haben eher einen kommunikativen, situationsorientierten Ansatz bei ihren Planungen.

Das heißt, es gibt eher typisch männliche und eher typisch weibliche Verhaltensweisen?

Verhalten bewerten wir nach unseren Wahrnehmungen. In den tradierten Rollen gelten Männer als emotionskontrolliert, durchsetzungsstark, zielstrebig und ehrgeizig, Frauen eher als sicherheitsbedürftig, emotional, sozial orientiert und intuitiv.

Merkwürdigerweise wird oft gerade in der Wirtschaft bei gleichem Verhalten zwischen Männern und Frauen völlig unterschiedlich geurteilt: Ein Mann, der auf seiner Ansicht besteht, gilt als konsequent, eine Frau, die darauf besteht, als penetrant. Sensibilität wird bei Frauen geschätzt, sensible Männer gelten manchmal sogar als Memmen oder man hält sie für eher nicht belastbar.

Überraschenderweise sehen auch junge Frauen dies vielfach in ihrer Selbstwahrnehmung so, was nicht heißen soll, dass Frauen kein Selbstbewusstsein hätten, im Gegenteil. Aber so kommen schon Unterschiede in der Verhaltensausprägung zustande.

Als Professor für angewandte Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit mit dem Schwerpunkt Entrepreneurship, sehen sie einen Unterschied zwischen männlichen oder weiblichen Ideen?

In der Tat habe ich den Eindruck, dass Studentinnen vorwiegend an Dienstleistungen und an Kommunikation orientierte Ideen entwickeln, was nicht heißen soll, dass IT- oder andere technische Ansätze nicht dabei sind.

Bei technisch orientierten Konzepten erkenne ich oft die Haltung, die eigenen Vorstellungen und die eigenen technischen Kompetenzen in den Produkten umzusetzen. Das ist schon eine eher männliche Sicht der Dinge. Dabei will ich nicht männlichen oder weiblichen Perspektiven das Wort reden.

Aber nach wie vor besteht bei der Mädchenerziehung im Hinblick auf Technik und Naturwissenschaften ein Defizit. Man könnte zum Beispiel daran denken, in bestimmten Altersgruppen zum Beispiel Informatikunterricht phasenweise auch getrennt zu unterrichten, um ohne die jungenhafte Dominanzbestrebung auszukommen, die in gemischten Gruppen gerade in diesem Fach oft auftritt.

... aber es geht doch um die Nutzerfreundlichkeit....

... richtig, deshalb befürworte ich, zumindest in älteren Jahrgängen, gemischtgeschlechtliche Gruppen. Denn bei Neuentwicklungen geht es nicht um frauenfreundliche Produkte, die von Männern ersonnen werden, sondern um nutzerfreundliche Anwendungen, in denen sich beide Geschlechter wiederfinden. Generell sollte man – das befürwortet übrigens auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft – Genderaspekte in der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen berücksichtigen. Das gilt für alle Fächer.