Wie können Frauen von den neuen Potenzialen in der Arbeitswelt profitieren?

Accenture hat jüngst zum internationalen Frauentag eine Studie zum Gender Pay Gap durchgeführt und drei Ansatzpunkte identifiziert. Zum einen die digitale Kompetenz, also der Grad der Nutzung digitaler Technologien, um sich mit Dritten zu vernetzen und auszutauschen, sich weiterzubilden oder zu arbeiten. Dann die technologische Affinität und damit die Fähigkeit, sich digitale und technologische Skills mindestens genauso schnell anzueignen wie Männer.

Im Zuge der Digitalisierung entstehen neue Berufsbilder, deren Nachfrage am Markt noch gar nicht bedient werden kann. Hieraus ergeben sich viele Chancen für Frauen. Und drittens die eigene Karriereplanung. Es ist wichtig, dass sich Frauen Karriereziele setzen, durchdachte Entscheidungen treffen und ihre Karriere proaktiv vorantreiben. Digitalisierung sehen wir als einen der Treiber, um sowohl Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren, als auch die Chancengleichzeit zu verbessern und neue Karrieremöglichkeiten zu eröffnen.

Was verändert sich hinsichtlich Vereinbarkeit von Familie und Beruf?

Digitalisierung kann helfen, individuelle Arbeitsmodelle zu gestalten, die nicht an feste Bürozeiten und Arbeitsplätze gebunden sind. Damit Privat- und Berufsleben nicht leiden, braucht es allerdings klare Regeln. Ein Stichwort ist die ständige Erreichbarkeit.

Was unternimmt Accenture in diesem Bereich?

In unserer Initiative „FE&MALE Growth“ engagieren sich Frauen und Männer gemeinsam für eine diverse, geschlechterbalancierte Belegschaft. Netzwerktreffen für arbeitende Eltern, Mentorenprogramme oder Unconscious-Bias-Trainings sind geschlechterübergreifend für alle Mitarbeitenden zugänglich. Wir ermutigen Frauen wie Männer, Diversity Leader zu werden.

Wie stellt sich die Situation in Deutschland im internationalen Vergleich dar?

Wir haben verstanden, aber wir handeln nicht mit aller Entschlossenheit und Konsequenz. Vor allem bei der Frage der Kinderbetreuung, wie flächendeckendem Kita-Angebot oder Ganztagsschulen, sind uns andere europäische Länder um viele Jahrzehnte voraus. Es darf nicht sein, dass ein Großteil des „Zweiteinkommens“ für die Kinderbetreuung investiert wird, und wir zugleich von Fachkräftemangel sprechen.

Was können Politik und Gesellschaft tun, um Geschlechtergleichheit im Zusammenhang mit Digitalisierung zu erreichen?

Mit Blick auf die kommenden Generationen müssen technische Fähigkeiten schon frühzeitig in die schulische und berufliche Ausbildung integriert werden. Wir sollten die Selbstverständlichkeit, mit der „Digital Native“-Kinder mit Smartphones und Tablets umgehen, viel besser nutzen und sie wesentlich früher an neue Technologien heranführen. Die Ausbildung muss sich konsequenter an den zukünftigen Entwicklungen orientieren und wir müssen verstärkt auf den weiblichen Anteil in den MINT-Fächern achten.

Welche Risiken sehen Sie, die gleichzeitig durch die Digitalisierung auftreten?

Mit der ständigen Erreichbarkeit verschwimmen die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit. Wir alle müssen lernen, damit besser umzugehen und die „Nicht-Erreichbarkeit“ als genauso wertvoll anzusehen. Es braucht hier klare Regeln und Vereinbarungen – auch, um manchmal die Mitarbeiter vor sich selbst zu schützen.