Der Soziologieprofessor Aladin El-Mafaalani hat den mühevollen Aufstieg von 40 Menschen aus besonders benachteiligten Verhältnissen untersucht. Im Interview spricht er über die Hindernisse auf dem Weg von ganz unten nach ganz oben.

Herr El-Mafaalani, vom Arbeiterkind zum Akademiker, ist das tatsächlich mehr als eine schöne Illusion?

Ja klar, es ist in jedem Fall möglich, allerdings auch nicht so wahrscheinlich, wie wir das gerne hätten. Wenn wir uns die Problemstellungen genau angucken, lässt sich aber etwas machen.

Noch stammen zwei Drittel der Vorstände großer deutscher Unternehmen aus einer kleinen Oberschicht ...

Die Herkunft spielt eine große Rolle für eine erfolgreiche Karriere. Ein großer Teil der Spitzenpositionen wird von Menschen bekleidet, die selbst Kinder von Menschen sind, die in Spitzenpositionen waren. Das Milieu, Netzwerke und „Vitamin B“ wirken unterstützend. Die vergleichsweise wenigen Kinder aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien, die ein Abitur machen, studieren deutlich seltener.

Diejenigen, die es doch versuchen, haben eine hohe Abbruchquote. Und selbst mit einem Hochschulabschluss gestalten sich der Übergang in den Arbeitsmarkt und die darauffolgenden Karriereverläufe schwieriger. Wir haben hier also gesellschaftliche Strukturen, die sich über ganze Biografien hinziehen und den Aufstieg erschweren.

„Kinder, die in prekären Verhältnissen aufwachsen, erleben permanent einen Zustand, in dem alles knapp ist. “

Welche zum Beispiel?

Kinder, die in prekären Verhältnissen aufwachsen, erleben permanent einen Zustand, in dem alles knapp ist. Es fehlt an Geld, aber auch an Anerkennung und Gestaltungsmöglichkeiten. Diese Kinder lernen notwendigerweise, die Knappheit zu managen und kurzfristig zu denken. Wer hingegen in deutlich privilegierten Verhältnissen aufwächst, muss sich nicht ständig fragen, ob etwas wirtschaftlich notwendig ist, hier treten stilistische Fragen in den Vordergrund.

Die Unterschiede werden in vielen Bereichen deutlich, aber in jedem Fall überträgt sich diese habituelle Prägung auf das Bildungsverhalten und die Lernmotivation. Hinzu kommt, dass Lehrer oft Zweifel an der Leistungsfähigkeit dieser Kinder haben, sie nicht fördern. Ein spannender Befund der Studie war, dass zwar alle Aufsteiger Potenziale hatten, diese aber von den Lehrern nicht erkannt wurden. Ihr Erfolg basiert auf glücklichen Umständen und zufälligen Begegnungen.

Wirkt ein Migrationshintergrund erschwerend?

Oft gibt es hier noch Sprachprobleme. Aber die Problemstellung ist noch eine andere. Die Eltern haben zumeist hohe Erfolgserwartungen an ihre Kinder. Sie haben ihre Heimat ja nicht verlassen, damit es ihnen und ihren Kindern schlechter geht, aber sie wollen auch, dass die Kinder ihnen und ihrer Lebensweise gegenüber loyal sind. Das Kind soll Karriere machen, aber so bleiben wie sie. Das heißt, eine der beiden Erwartungen müssen die Kinder enttäuschen.

Sie sagen, wer aufsteigen will, muss mit seiner Herkunft brechen ...?

Im Laufe der Zeit entwickeln Bildungsaufsteiger eine Distanz zu ihrem Herkunftsmilieu, auch zur Familie. Sie entwickeln andere Interessen und Werte und sind ihren Eltern kognitiv überlegen. Vieles von dem, was in der Kindheit und Jugend von Bedeutung war, erfährt im Aufstiegsprozess eine Entwertung. Andererseits sind sie noch nicht angekommen, fühlen sich häufig fehl am Platz.

Das führt zu großen Unsicherheitsgefühlen und Rückzugsgedanken. Die Eltern können sich oft nicht in die Situation ihrer Kinder hineinfühlen. Wenn diese Unterstützung erfahren, dann insbesondere durch Dritte. Durch die Fähigkeit, sich trennen zu können und Unsicherheit auszuhalten, besitzen Bildungsaufsteiger aber eine Kompetenz, die für den weiteren Karriereverlauf von großer Bedeutung ist.

Sie haben selbst einen Migrationshintergrund, sind Sie das klassische Erfolgsbeispiel?

Meine Eltern stammen aus Syrien, aber ich bin kein „Aufsteiger“. Sie sind beide Akademiker, ich habe also eine ganz klassische Karriere gemacht. Anders wäre eine Professur mit Mitte 30 auch nicht möglich. Auch hier zeigen sich die Strukturen.

Ist es da nicht kontraproduktiv, wenn unser Bildungssystem Eltern stark mit einbezieht?

Je stärker die Mithilfe der Eltern gefordert wird, desto stärker spielen auch deren Geldbeutel und Bildungsniveau eine Rolle. Ideal wäre es, so wenig wie möglich von ihnen zu erwarten. Aber unser System ist so angelegt, dass Lehrer Eltern informieren, wenn's nicht läuft, und diese mit ihren Kindern zu Hause lernen oder eine Nachhilfe organisieren müssen.

Die sie sich mitunter aber gar nicht leisten können ...

Auch das ist ein Problem. Bildungsferne Eltern können die Unterstützungsleistung selbst nicht geben und haben häufig nicht die Mittel, Nachhilfe zu finanzieren. Aber auch viele Dinge mehr sind von der Entscheidung der Eltern abhängig, etwa die Wahl der Schulform.

Brauchen wir eine Reform des Bildungssystems?

Es sind gesellschaftliche Veränderungen auf verschiedenen Ebenen nötig. Wir brauchen mehr anwendungsorientierten Unterricht, der Kinder mit kurzfristig und praktisch orientierten Denkmustern mitnimmt. Jeder Mensch hat Talente. Um dieses Potenzial zu erkennen und zu Fähigkeiten zu entwickeln, müssen Schulen und Lehrkräfte stärker in die Verantwortung genommen werden und das Scheitern der Schüler als eigenes professionelles Scheitern begreifen.

Aber auch die Segregation in den Städten ist ein großes Problem. Die von der Gesellschaft vergessenen Kinder und Jugendlichen in Problemstadtteilen finden andere Formen der Anerkennung und Zugehörigkeit, etwa in Gangs. All das hat verheerende Effekte auf die Lebenschancen.