Und doch war diese Form der Vielfalt in Deutschland jahrzehntelang nicht zu sehen. Nicht im Alltag, und schon gar nicht im Job. Man hatte „hetero“ zu sein oder zumindest so zu wirken – „normal“, so wie „alle“. Seit einigen Jahren verändert sich das. Die Gesellschaft ist offener geworden.

Dieser Wandel zeigt sich auch in der Arbeitswelt, und zwar mit großem Tempo. Sie ist zwar auch heute nicht perfekt für Schwule, Lesben & Co. Aber sie ist inklusiver geworden. Viele Unternehmen werben mehr denn je um die einstmals Stigmatisierten, von denen nicht wenige gut ausgebildet, ehrgeizig und international unterwegs sind.

Sie wissen warum. Kreative Buntheit, die Fähigkeit zum Umgang mit Brüchen im Leben wie es ein Coming-out zum Beispiel darstellt, die Fähigkeit zum Multiperspektivischen: All diese in der alten Zeit „nicht-normalen“ Dinge sind heute zu wertvollen, ja überlebenswichtigen Ressourcen in einer globalen Wirtschaft geworden, in der Unterschiedlichkeiten in jeglicher Form zum Alltag gehören und in der Innovationstempo und Konkurrenzdruck weiter zunehmen.

Die Erkenntnisse des Diversity Managements – also des Managements von Vielfalt – haben dabei gezeigt: Ein offenes Arbeitsklima, in dem jeder ungeachtet seines Geschlechts, seiner ethnischen Herkunft, seines Glaubens, seines Alters, seiner sexuellen Identität und anderer Diversity-Dimension wertgeschätzt und gefördert wird, ist nicht nur menschlicher. Es ist auch besser für den Arbeits- und Unternehmenserfolg. Von diesem Wissen profitieren ebenfalls Homo- und Bisexuelle, Transpersonen oder andere Angehörige minoritärer sexueller Identitäten, also die LGBT+- Community.

Die Veränderung zeigt sich an Vielem. Die LGBT+-Karrieremesse Sticks & Stones feiert 2019 ihr zehnjähriges Jubiläum und ist mittlerweile die größte ihrer Art in Europa. Gründer Stuart Cameron begrüßt jedes Jahr in Berlin und München eine Vielzahl von Top Unternehmen. Die Ausstellerliste liest sich wie das Who is Who der Wirtschaft: Accenture, Allianz, Axel Springer, BCG, Bayer, Bosch, Coca-Cola, Continental, EY, Deloitte, Freshfields, Google, IBM, McKinsey, PWC, Roland Berger, SAP, Siemens, ThyssenKrupp, Vodafone, White & Case und andere mehr.

Es fehlen Vorbilder an der Spitze

Es gibt LGBT+-Netzwerke in Unternehmen. Ihre Mitglieder tragen ihre Anliegen in die Organisationen, für die sie arbeiten und darüber hinaus: Akzeptanz, ein offenes, vorurteilsfreies Arbeitsklima und gleiche Chancen. Die Firmen erkennen immer mehr: Wer hier mutig Initiative ergreift und Verantwortung übernimmt, könnte ebenfalls im Day-to-Day-Job eine viel versprechende Karriere vor sich haben.

Dennoch fehlt auch manches. In der angelsächsischen Welt etwa gibt es Rankings der „TOP 100 LGBT+ Executives“, also von geouteten Top-Führungskräften, die jährlich von der renommierten Financial Times abgedruckt werden. Die Liste der dort genannten Unternehmen ist eindrucksvoll. Nicht weniger eindrucksvoll ist, dass sich alle LGBT+-Leader mit Namen abdrucken lassen. Natürlich – sie sind ja auch geoutet. Und damit mutige Rollenmodelle und Vorbilder.

Da hinkt Deutschland hinterher. Doch auch hierzulande gibt es jetzt eine vergleichbare Initiative. Sie wird getragen von Sticks & Stones-Mann Cameron und der LGBT+-Stiftung PROUT AT WORK, die von ihren Initiatoren Albert Kehrer und Jean-Luc Vey dynamisch vorangetrieben wird. Die Jury ist prominent besetzt. Neben Vertretern des Völklinger Kreises – Berufsverband schwuler Manager und Unternehmer – und der Wirtschaftsweiber – lesbisches Pendant – finden sich Spitzenleute wie Janina Kugel, Personalvorstand bei Siemens, oder Ana-Cristina Grohnert, in gleicher Funktion bei der Allianz Deutschland.

Es bleibt abzuwarten, ob im Herbst wirklich schon 100 deutsche LGBT+-Leader verkündet werden können. Immerhin müssen die sich auch öffentlich zeigen wollen. Aber vielleicht kommt es ja auch zu einem Massen-Coming-out?

Information

JENS SCHADENDORF ist Ökonom, Global Book Consultant und daneben Autor sowie freier Diversity-Forscher am Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der TU München.

Zuvor war er als Buchverleger lange Programmleiter, u.a. bei SpringerGabler, Econ und Herder, und verantwortete viele Bestseller, u.a. von Jack Welch, Dalai Lama, Elie Wiesel, Bill Clinton, Michael Porter, Don Tapscott sowie Hans-Werner Sinn, dessen Lektor er bis heute ist.

Zahlreiche Auszeichnungen und Veröffentlichungen, darunter die Bücher “Der Regenbogen-Faktor. Schwule und Lesben in Wirtschaft und Gesellschaft ” sowie “Gut – Die 16 Gesetze für richtiges Handeln“ (mit Philosoph Christoph Lütge); Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg und Fribourg sowie in Singapur und Bangkok.