Seit Monaten beschäftigt die Flüchtlingskrise die deutsche Öffent­lichkeit auf allen Ebenen. Dass allgemein von einer „Krise“ gesprochen wird, sagt einiges über die breite Wahr­neh­mung der aktuellen Lage aus. Wie in jeder Krise steckt aber auch in dieser eine Chance: Mittelfristig werden Deutschland und nicht zuletzt auch seine Wirtschaft gestärkt aus ihr hervorgehen. Doch zunächst kommen neue Aufgaben auf alle zu, die sich im Unternehmen mit dem Thema Vielfalt beschäftigen.

Ein Grundsatz des Diversity Managements ist, auf das zu schauen, was Menschen mit ihren vielfältigen Hintergründen am Arbeitsplatz einbringen können. Viele, die jetzt als Flüchtlinge bei uns ankommen, haben da einiges im Gepäck – von der handwerklichen Berufsausbildung bis zum Medizinstudium. Selbstverständlich gilt das nicht für alle, aber doch für so viele, dass einige in den Flüchtlingen bereits eine Antwort auf den Fachkräftemangel in Deutschland sehen.

Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben, werden mit ihren Familien einen Beitrag zur Fachkräftesicherung leisten.

Flüchtlinge, die in Deutschland bleiben, werden mit ihren Familien einen Beitrag zur Fachkräfte­sicherung leisten. Doch wer aufgrund politischer Verfolgung geflohen ist und womöglich noch unter traumatischen Erfahrungen leidet, sollte nicht gleich auf seine „Verwertbarkeit“ für den deutschen Arbeitsmarkt überprüft werden. Er verdient vorrangig erst einmal Schutz. Das Asylrecht ersetzt nicht die reguläre Zuwanderung von dringend gebrauchten Fachkräften.

Doch jetzt sind die Flüchtlinge da, und mit ihnen viele Chancen für die Wirtschaft. Sie nicht zu nutzen und damit nicht frühzeitig zu beginnen, wäre fatal. Dementsprechend ergreifen viele Unter­nehmen – vom kleinen handwerklichen Betrieb bis zum internationalen Konsum­güterkonzern – die Initiative und schaffen Angebote für Flüchtlinge.

Dabei kommen beide Seiten nicht zu kurz – das soziale Engagement der Unternehmen in der Hilfe vor Ort und die Einstiegsmöglichkeiten wie Praktika, Ausbildung oder sogar eine feste Anstellung. Deswegen ist es auch eine gute Idee, bereits in einem sehr frühen Stadium des Aufnahmeverfahrens zu erfassen, mit welchen Qualifikationen jemand in Deutschland ankommt.

Viele verfügen über gute Berufsausbildungen oder Hochschulabschlüsse, doch gleich hier fangen die Heraus­forderungen an: Sind die Abschlüsse mit dem deutschen System kompatibel? Müssen eventuell ergänzende Ausbildungen absolviert und Zertifikate erworben werden? Auch sprachliche Barrieren gilt es zu überwinden. Nicht zuletzt steht auch ein interkultureller Lernprozess bevor, mit dem an die deutsche Arbeitskultur herangeführt wird.

Personalverantwortliche müssen bei der Integration von Flüchtlingen in ihren Unternehmen diese Stärken und Schwächen gegeneinander abwiegen. In jedem Fall wird das Diversity Management in deutschen Unternehmen um einige Aufgaben vielfältiger. Wie immer gilt es, Unterschiede erst einmal wertschätzend anzuerkennen und darauf aufbauend geeignete Lösungen zu entwickeln.

Gut ist, dass man kein Großunternehmen sein muss, um hier deutliche Zeichen für Vielfalt am Arbeitsplatz zu setzen. Unternehmen aller Größen haben seit diesem Sommer beeindruckende Initiativen ergriffen: Sprachkurse, Bewerbungstrainings, Hospitationen, Schnup­per­praktika, Peerprogramme, interkulturelle Trainings und vieles mehr. Oft profitieren von diesen Maßnahmen auch die „alten“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Nicht zuletzt darf die internationale Außenwirkung nicht vergessen werden, die der Umgang mit Flüchtlingen bei uns hat. Bevor sich jemand aus dem Ausland auf eine Stelle hier bewirbt, wird er sich unter anderem fragen, wie wir mit Ausländerinnen und Ausländern umgehen – egal warum und auf welchem Wege sie nach Deutschland gekommen sein mögen.

Kurz: Wenn wir auch auf Unternehmensebene eine gesunde Willkommenskultur für „unsere“ Flüchtlinge entwickeln, wird dies auch attraktiv auf Menschen wirken, die im Rahmen der ganz normalen Arbeitsmigration nach Deutschland kommen wollen und hier nach wie vor dringend benötigt werden.