Wie hat sich die Arbeitswelt in den letzten Jahrzehnten verändert?

Höher, schneller, weiter. Druck und Geschwindigkeit. Die Arbeitswelt von heute ist hektischer, stressiger, mobiler und diverser und sie ist, was das Thema Führung betrifft, schlechter geworden, was auch empirische Studien belegen.

Was belegen diese Studien genau?

Dass die Entfremdung zwischen Unternehmensleitung und Mitarbeitenden zunimmt. Studien belegen zudem, dass die Verbreitung des kooperativen Führungsstils enorm gesunken ist.

Worauf führen Sie das zurück?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Beispielsweise haben Führungskräfte früher – quasi als „Sandwich“ – vermehrt die Interessen der Mitarbeiter aufgegriffen und sie haben sich Zeit für Gespräche genommen. Heute ist dafür kaum noch Zeit, da der reine Effizienz- und Umsetzungsdruck in der Führung außerordentlich hoch geworden ist.

Im Team etwas kreieren, schaffen, die Welt ein Stückchen besser machen.

Auf der anderen Seite beginnt Deutschland, eine relevante Gründerszene zu entwickeln, was vor zehn Jahren nicht der Fall war.

Durch diese Szene besteht eine Chance, dass wir vielleicht doch wieder den Anschluss an die Hot-spots dieser Welt bekommen.

Vergleicht man die „alte“ Arbeitswelt mit dieser „neuen“, treffen zwei Welten aufeinander.

Inwiefern?

Die Gründerszene ist dynamisch, agil, extrem kreativ, bunt und freiheitsorientiert – aus meiner Sicht sind das die richtigen Ansätze der Arbeitswelt von morgen. Es darf auch gern stressig werden. Man muss unterscheiden zwischen Eustress und Distress. Während uns der Distress, also der negative Stress mit all seinen negativen körperlichen, geistigen und seelischen Folgen, krank macht, bringt uns der Eustress weiter.

Hier kommen die Schlagwörter Sinn und Sinnlosigkeit ins Spiel. Wenn ich für ein Projekt, ein Produkt, eine Marke brenne, dann arbeite ich gern auch 14 Stunden, ohne dass es mich stört. Besonders die Gründerszene hat das verstanden: Im Team etwas kreieren, schaffen, die Welt ein Stückchen besser machen. Etablierte Unternehmen tun sich da schwer.

Doch auch etablierte Unternehmen benötigen Arbeitskräfte. Was müssen sie künftig leisten, um als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden?

Wenn es die etablierten Firmen es nicht schaffen, wieder Sinn in die Arbeit zu bringen, wird es zukünftig schwierig für sie werden, Fachkräfte zu rekrutieren. Außer sie suchen Söldner gegen Sold!

Geld, Karriere, Lernmöglichkeiten waren wichtige Punkte der Mitarbeitergewinnung vor einigen Jahren.

Das ist trivial geworden. Die Sinnfrage steht weitaus mehr im Vordergrund. Nur wenn diese beantwortet ist, werden es die etablierten Konzerne schaffen, langfristig Talente an sich zu binden.

Wie könnte das umgesetzt werden?

Sinn muss man finden, indem durch nützliche Produkte die Welt ein bisschen besser wird. Dazu kommt weniger Bürokratie, mehr Freiräume für Kreativität. Hier muss man jedoch auch unterscheiden. Ein Routine-mensch hat kein Problem damit, zehn Jahre Fußmatten für BMW zu entwickeln, während ein kreativer freiheitsliebender Mensch mehr machen möchte, als in Routine zu verharren.

Sehen Sie auch einen Zusammenhang zwischen der Produktivität und der Gesundheit von Mitarbeitern?

Es gibt eine sehr logische Kette: Wenn Arbeit Sinn macht, man gut behandelt wird und Freiräume besitzt, auch für seine eigenen Themen, dann ist die Produktivität höher und gleichzeitig ist auch die physische und psychische Gesundheit deutlich besser.

Alle bisherigen Studien zu diesem Thema bestätigen das positive Viereck von Gesundheit, Produktivität, Führung und Sinn. Im Umkehrschluss: Je fremder man der Arbeit ist, also je weniger Sinn die Arbeit macht, desto schlechter die Gesundheit und Produktivität.

Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach betriebliches Gesundheitsmanagement?

Wenn die Unternehmenskultur nicht stimmt, bringen auch ergonomische Stühle nichts. Ich habe selbst in einigen Dax-Unternehmen BGM eingeführt. In der ersten Phase sind es naive Unternehmen, die denken, mit Rückenschulung und Ergonomie könnte man etwas bewirken.

Das Büro der Zukunft ist nicht an einen festen Arbeitsplatz.

Die Phase zwei ist, das systematische BGM – von der Diagnose über Maßnahmenplanung bis hin zur Umsetzung. Die dritte Phase ist die gelebte Führungskultur. Ohne das Letzte ist alles andere für die Katz. Wenn man bei eins anfängt, muss man auch Phase zwei und drei umsetzen. Leider bleiben viele etablierte Unternehmen in der ersten Phase stecken. 

Wie sieht in Ihren Augen das Büro der Zukunft aus und wie sollte ein Arbeitsplatz gestaltet sein?

Nicht stationär. Das Büro der Zukunft ist nicht an einen festen Arbeitsplatz – also Stuhl und Schreibtisch –, sondern der Arbeitsplatz der Zukunft ist mobil, flexibel und uneingeschränkt.  Nicht das Sitzfleisch zählt, sondern das Ergebnis.

Ihr persönliches Erfolgsgeheimnis?

Ich mache nur Sachen, die Sinn machen.