Was umfasst für Sie das Thema Diversity Management (DIM)?

Zuerst geht es um eine Unternehmenskultur, die Vielfalt im Betrieb oder in der Verwaltung wertschätzt. Wir wissen, dass es da auch in Deutschland noch Nachholbedarf gibt.

Außerdem geht um die Akzeptanz individueller Unterschiedlichkeit, die dann auch nicht als Störfaktor, sondern als Chance zu Innovation, zu Veränderung und zum Erfolg gesehen wird. Vielfalt kann bereichern, das ist die Botschaft.

Wie ist Ihrer Meinung nach der aktuelle Stand der Vielfalt in Deutschland?

Wir haben mit der Initiative Charta der Vielfalt, die 10 Jahre alt wird und über 2.400 Unternehmen unterzeichnet haben, gerade in deutschen Unternehmen nachgefragt, wie sie es mit der Vielfalt halten.

Auch beim Gesetzgeber sehe ich Potenzial.

Das Ergebnis: Ja, das Thema steht bei mehr Organisationen höher auf der Agenda als vor zehn Jahren. Und bei einigen, zumeist großen Unternehmen gehört DIM schon zur DNA. In der Breite, bei den vielen Tausenden mittelständischen Betrieben, ist das Thema aber noch nicht so richtig angekommen. Da müssen wir weiter dran arbeiten.

Wo gibt es Verbesserungspotenzial und wie kann dies umgesetzt werden?

Nehmen wir mal den öffentlichen Dienst. Ich habe 2016 zum allerersten Mal gemeinsam mit dem Innenministerium eine Beschäftigten-Befragung in allen Bundesministerien durchgeführt: Innerhalb der Bundesverwaltung ist der Anteil der Beschäftigten mit Migrationshintergrund unterdurchschnittlich, er liegt bei 14,8%, in der Bevölkerung aber bei 21%.

Allein der Blick auf die gesellschaftlichen und demografischen Trends zeigt, dass sich das Land verändert.

Und die Beschäftigten sind dann eher in unteren Laufbahngruppen und eher mit befristeten Verträgen zu finden. Das muss besser werden, mit Zielvorgaben und dem klaren Bekenntnis, dass Bewerbungen von Menschen mit Einwanderungsgeschichten ausdrücklich erwünscht sind.

Auch beim Gesetzgeber sehe ich Potenzial: Wir feiern ja nicht nur zehn Jahre Charta der Vielfalt, sondern auch zehn Jahre Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz. Hier sehe ich bei der Ausgestaltung der Diskriminierungsmerkmale und dem sachlichem Anwendungsbereich, bei der Beweislastregelung und den Prozessführungsmöglichkeiten noch gesetzlichen Verbesserungsbedarf.

Warum ist Diversity Management so wichtig?

Weil jede und jeder Fünfte im Land familiäre Einwanderungsgeschichten hat. Und weil wir es uns dann einfach nicht leisten können und dürfen, die Potenziale vieler Menschen ungenutzt liegen zu lassen.

Allein der Blick auf die gesellschaftlichen und demografischen Trends zeigt, dass sich das Land verändert. Und wer als Unternehmen oder Verwaltung da nicht mitgeht und sich nicht im eigenen Interesse für die Vielfalt öffnet, der wird irgendwann mit einer überalterten Belegschaft beziehungsweise ohne Nachwuchs zurückbleiben.

Wie war Ihr persönlicher Karriereweg?

Ich habe nach dem Studium bei einer großen Stiftung (Körber-Stiftung) in Hamburg angefangen und dort Integrationsprojekte organisiert und koordiniert – für mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt, aber auch im Bereich der deutsch-türkischen Beziehungen. 2001 bin ich dann als Quereinsteigerin in die Politik gegangen, Olaf Scholz hatte mich dafür gewonnen.

Erst war ich Abgeordnete in der Hamburgischen Bürgerschaft, 2009 bin ich dann in den Deutschen Bundestag eingezogen und wurde in dieser Legislaturperiode zur Staatsministerin bei der Bundeskanzlerin und Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration ernannt.

Was waren die größten Hürden? Gab es Stolpersteine?

Vielleicht war es keine Hürde, aber meine familiären Wurzeln in der Türkei und mein Name waren immer wieder Thema –  von Anfang an: in der Schule, im Studium und später in der Politik. Als ich 2001 in die Politik ging, war das Klima damals sehr rau in Hamburg. Der Rechtspopulist Ronald Schill hetzte gegen Menschen mit Einwanderungsgeschichten, holte 19% bei der Bürgerschaftswahl.

Denn alleine kann man es in der Politik nicht schaffen.

Das war eine harte Zeit für mich und meine Abgeordnetenkolleginnen und –kollegen mit familiären Einwanderungsgeschichten. Ich bekam abstoßende Briefe. Aber damals war das Selbstverständnis von Deutschland schon im Wandel. Das konnte man vielleicht am besten an der Reform des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts durch die rot-grüne Bundesregierung sehen: In Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern konnten – unter gewissen Voraussetzungen – ab Geburt deutsche Staatsbürger sein. Zu Zeiten meiner Geburt 1967 hatte man wohl kaum gewagt, daran zu denken.

Wie haben Sie es geschafft, sich durchzusetzen?

Erst einmal war und ist wichtig, dass mich die Mitglieder meiner Partei im Kreis Hamburg-Wandsbek und in der Landesorganisation Hamburg immer unterstützt haben. Denn alleine kann man es in der Politik nicht schaffen. Mit Blick auf meine politische Arbeit hat vielleicht geholfen, dass ich immer versucht habe, unaufgeregt und sachlich an die oft emotionalen Debatten über Integration und Migration heranzugehen.

Es gibt nicht den einen Tipp, der für Frauen alles ändern würde.

Bei der Arbeit in der Stiftung und dann natürlich auch in der Politik: Worüber reden wir konkret? Warum wird auf die Einwanderungsgeschichten von Menschen abgestellt, wenn es doch eigentlich darum geht, dass jede und jeder, egal welcher Herkunft, teilhaben kann, einen Bildungs- und Berufsabschluss macht und den Weg in den Arbeitsmarkt findet?

Es ist doch absurd, wenn immer noch der Migrationshintergrund für Defizite angeführt wird, obwohl längst nachgewiesen wurde, dass soziale Faktoren ausschlaggebend sind – bei Kindern mit und ohne Migrationshintergrund.

Sie sind auch Mutter. Wie vereinen Sie Familie und Beruf?

Das ist die größte Herausforderung. Bei meinen beruflichen Aufgaben braucht es eine gute Organisation des Terminkalenders, mit Freiräumen für Kind und Familie, die dann auch eingehalten werden. Die Unterstützung durch Familie und gute Freunde ist ganz wichtig.

Welche (Karriere-)Tipps möchten Sie anderen Frauen mit auf den Weg geben?

Es gibt nicht den einen Tipp, der für Frauen alles ändern würde. Aber Zusammenhalt und sich immer wieder für andere einzusetzen, ist wichtig. Nicht sagen: „Ich musste das auch alles ertragen“, sondern „Lasst es uns gemeinsam voranbringen“. Das funktioniert tatsächlich – also auch mit Männern.