Der Mensch ist getrieben von Emotionen. Eigentlich ganz gut so, denn das verleiht dem Leben erst das gewisse Etwas – und verschiedenen Menschen ihren individuellen Charakter. In der Liebe, in der Familie, bei Freunden oder im Alltag – überall spielen unterschiedliche Gefühle eine tragende Rolle. Mindestens verhindern sie Lethargie, meistens sorgen sie für die entscheidenden Veränderungen.

Doch nicht in allen Bereichen sind Emotionen sinnvolle Helfer. Was unser Leben so bunt und lebenswert macht, ist in manchen Belangen eher kontraproduktiv, beispielsweise wenn es um Zahlen geht. Als gutes Beispiel dafür dienen Börsenkurse: Die allermeisten kurzfristigen Schwankungen haben keine „reale“ Ursache in tatsächlichen wirtschaftlichen Zusammenhängen und Veränderungen – wer sich mit Aktien und Investitionen auskennt, weiß, dass Emotionen wie Gier und Angst den Index insgesamt stärker beeinflussen als so mancher Börsengang oder spektakuläre Geschehnisse.

Als Mensch kann man gern emotional sein, wie man eben Lust hat – als Anleger sollte man seine Emotionen im Griff haben.

Mittlerweile untersuchen ganze Wissenschaftszweige die Bedeutung und den Einfluss von Emotionen auf Anlageentscheidungen („Behavioral Finance“). Untersucht wird gezielt das Verhalten von aktiven Anlegern bei ihren Verkaufs- und Kaufentscheidungen bei Wertgütern.

Wie weit reicht der Einfluss? Wie bewusst entscheiden Anleger generell, wie lange wird überlegt, abgewägt und gerechnet? Wie impulsiv sind Märkte, wie viel ist „Spiel“, wie viel ist „ernst“?

Wer schon einmal eine Wette gewonnen oder verloren hat, hat diesen Zusammenhang selbst erlebt: Was hat ein „gutes Bauchgefühl“ mit einem Gewinn zu tun? Sollte man auf seine „Instinkte“ hören, nur weil man dreimal richtig lag?

Andersherum, wenn man verliert, eine Investition sich nicht rechnet, genauso: „Ich wusste doch irgendwie, dass das nix wird!“ Unsere Emotionen sind so stark und tief in uns verankert, dass wir schnell überzeugt sind, sie wären eigentlich der beste Gradmesser. Da werden auch die dicksten Geschäftsberichte schnell mal eben in Grund und Boden relativiert.

Was hilft, ist vielleicht schon eine klare Analyse der beteiligten Emotionen. Die „Behavioral Finance“-Experten beobachten jedenfalls ziemlich klar abgegrenzte Emotionsphasen:

  • SKEPSIS vor dem Kauf von Aktien
  • OPTIMISMUS bei steigenden Kursen
  • EUPHORIE bei Stabilität der steigenden Kurse
  • LEUGNUNG, wenn kurz nach Einstieg die Kurse fallen
  • PANIK, wenn die Kurse weiter fallen oder stärker als gedacht
  • KAPITULATION bei immer weiter fallenden Kursen

Nach diesen sechs Schritten kommt der „emotionale Anleger“ wieder bei Schritt eins an – und schaut der ganzen Sache erst mal eher skeptisch entgegen. Aber sobald die Kurse steigen, irgendeine Nachricht für ein „gutes Gefühl“ sorgt, beginnt das ganze Schauspiel wieder von vorne.

Was auch immer man davon hält – allein die Tatsache, dass diese Abfolge ziemlich vorhersehbar ist, sollte zu denken geben. Als Mensch kann man gern emotional sein, wie man eben Lust hat – als Anleger sollte man seine Emotionen im Griff haben. Es sollten klare Grundsätze gesetzt und eingehalten werden, die dem Portfolio einen unterstützenden Rahmen bieten.

Bei größeren Kauf- und Verkaufsentscheidungen sollte beispielsweise noch einige Tage gewartet und der Markt beobachtet werden. So verschafft man sich Zeit, die Strategie zu überdenken – und die ersten emotionalen Reaktionen einzuordnen.