Das betriebliche Gesundheitsmanagement konzentriert sich auf die eher geringe Prozentzahl der Mitarbeiter, die wegen Krankheit fehlen, statt zu fragen, wie Führung und Organisation so gestaltet werden kann, dass die große prozentuale Mehrheit, die täglich zur Arbeit kommt, gesund und mit Freude arbeitet und damit zum Unternehmenserfolg beiträgt. Interview mit Dr. Walter Kromm.

Der Titel Ihres letzten Buches lautet „Unternehmensressource Gesundheit – Weshalb die Folgen schlechter Führung kein Arzt heilen kann“. Was ist der Kerngedanke dieser Aussage?

Der Kerngedanke ist, dass Gesundheit im Unternehmen ziemlich wenig mit Medizin und ziemlich viel mit Führung und gelingenden Beziehungsprozessen zu tun hat!

Was sind die entscheidenden Faktoren für die Unternehmensgesundheit?

Wenn ich in die Unternehmen komme und die Menschen dort frage, was nach ihrer Auffassung den größten Einfluss auf die Gesundheit im Unternehmen hat, dann sind die häufigsten Antworten: „Die Art und Weise, wie die Führungskräfte mit ihren Mitarbeitern umgehen“, „Die Art und Weise, wie die Mitarbeiter miteinander umgehen“ und „Die Sicherheit des Arbeitsplatzes“.

Was können Führungskräfte für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter leisten?

Führungskräfte sind keine Hobbytherapeuten und schon gar keine Ärzte. Das müssen sie auch nicht sein. Gesundheit hat viele Facetten, und Gesundheit hängt von vielen Faktoren ab. Bei einer der letzten Studien zeigte sich, dass die Menschen in den Unternehmen die Atmosphäre am Arbeitsplatz dann ((als)) besonders gesundheitsförderlich einschätzen, wenn der Austausch von Ressourcen gelingt.

Was heißt das?

Was wünschen sich Führungskräfte von ihren Mitarbeitern? Sie wünschen sich Loyalität, Engagement und Lust, sich mit ihren Begabungen für das gemeinsame Ziel einzusetzen. Was ist der gemeinsame Nenner von Führungskräften, die genau solche Mitarbeiter haben? Nun, diese Führungskräfte machen ihre Mitarbeiter stark, anstatt sie zu schwächen, indem sie ihnen gesundheitsförderliche Ressourcen zukommen lassen.

Welche Ressourcen sind das?

Sie befriedigen das „Bedürfnis nach Selbsterhöhung“, indem sie ihren Mitarbeitern angemessene Wertschätzung geben und mit ihnen auf Augenhöhe kommunizieren. Sie befriedigen das „Bedürfnis nach Bindung und guten Beziehungen“, indem sie Vertrauen schaffen und bei Problemen hilfreich zur Seite stehen. Sie befriedigen das „Bedürfnis, zeigen zu können, was man kann“, indem sie den Mitarbeitern Freiräume lassen und sie vor wichtigen Entscheidungen nach ihrer Meinung fragen.

Beschreiben Sie bitte mit wenigen Worten das Geheimnis „gesunder“ Führung aus Ihrer Sicht.

Sollte es so etwas wie ein Geheimnis des Gelingens geben, dann ist es die Fähigkeit der Menschen, ihre Beziehungen so zu gestalten, dass Engagement, Kreativität und Produktivität noch besser gedeihen können. Dann erhöhen sich auch die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und die Sicherheit der Arbeitsplätze.

Welche Rolle spielt dabei die Führungskraft?

Arbeit ist soziale Interaktion! Der Schlüssel, wie gesund und wie produktiv diese Interaktion ist, liegt bei den Menschen, die im Unternehmen agieren. Bei gelingenden Interaktionen kommen Austauschprozesse in Gang, die es sonst nicht gibt! – Austausch von kraftgebenden Ressourcen und Austausch von Wissen.

Die Führungskraft ist der Choreograf beim Aufbau der dafür notwendigen gesundheitsförderlichen Strukturen. Gelingt ihr das, dann können auch anspruchsvolle Aufgaben bewältigt werden, und man bleibt dabei gemeinsam gesund.

Was ist das Neue an Ihren Studienergebnissen?

Nichts! Im Grunde genommen weiß jeder, wie es sein könnte. Dieses Bauchgefühl können nun jedoch Fakten belegen.

Wie gehen die Unternehmen mit diesen Themen um?

Viele Unternehmen öffnen sich immer mehr für diese Themen. Vor einigen Monaten hatte ich ein schönes Erlebnis. Im Rahmen einer Vortragsreihe in einem Schweizer Unternehmen durfte ich fünfmal vor Führungskräften sprechen. Nach dem letzten Vortrag wurde ich mit folgender Frage konfrontiert: „Herr Dr. Kromm, wir haben nicht nur 500 Führungskräfte, sondern 15.000 Mitarbeiter. Wie können wir Ihre Forschungsergebnisse so im Unternehmen kommunizieren, dass das Wissen auch überall wirksam werden kann?“

Und was haben Sie geantwortet?

Das würde jetzt den Rahmen dieses Interviews sprengen. Nur so viel: Es gilt, mithilfe von Emotionen Handlungsmöglichkeiten zur besseren Beziehungsgestaltung erkennbar und umsetzbar zu machen.

Was muss in Zukunft getan werden, damit der Unternehmensressource Gesundheit mehr Bedeutung beigemessen wird?

Als Erstes sollte man sich von der Vorstellung trennen, dass ein Unternehmen gesünder werden kann, indem man etwas „Gesundes“ unternimmt. Ist die Atmosphäre im Unternehmen schlecht, dann helfen auch „kurklinikähnliche Gesundheitsaktivitäten“ kaum weiter!

Gesund sollte ein Unternehmen sein in Bezug auf die Stärke am Markt! Das erreicht man am besten mit gesunden Mitarbeitern mit einer hohen emotionalen Bindung an das Unternehmen.

Deshalb sollte das Thema „Gesundes Unternehmen“ zur Chefsache erklärt werden. Wenn der Stärkste im Unternehmen sich glaubhaft der oben beschriebenen Themen annimmt, kommt man auch schnell voran.

Die Shape-Studie räumt mit dem Mythos Managerkrankheit auf. Was sind die wesentlichen Erkenntnisse dieser Studie?

Die wesentliche Erkenntnis ist: Die Menschen werden selten krank, wenn sie viel arbeiten müssen. Sie werden aber oft krank, wenn sie viel arbeiten müssen und gleichzeitig elementare Grundbedürfnisse frustriert werden. Hohe Belastungen am Arbeitsplatz sind also nicht per se krank machend! Zusammen mit den nötigen Widerstandsressourcen und produktiven „Beziehungsprozessen“ können sie sogar zur Gesundheit beitragen.

Was sind die gesundheitlichen Herausforderungen für Führungskräfte?

Führungskräfte haben viele Kompetenzen. Oft kommt aber die Kompetenz in eigener Sache zu kurz. Bezüglich Zeit, Muße, Liebe und Achtsamkeit merken viele nicht mehr, dass dies unabdingbare Voraussetzungen sind, um eigenverantwortlich und sinnstiftend mit sich selbst und anderen Menschen umgehen zu können.

Wie kann man Burn-out vorbeugen?

Wir Menschen haben unbewusste Verhaltensmuster, die unser Denken, Fühlen und Verhalten bestimmen, und was unbewusst ist, können wir zunächst einmal nicht wissen. Vielleicht sollten wir öfter einmal die Menschen im nahen beruflichen und privaten Umfeld fragen, wie sie uns sehen. Dazu bedarf es aber der Fähigkeit, zuzuhören und dann darüber nachzudenken. So hat man eine Chance, den Blickwinkel auf sich selbst etwas zu erweitern und Verhaltenshandicaps zu erkennen.