Wir befinden uns gerade im Zeitalter der Digitalisierung. Damit geht auch ein Wandel in der Arbeitswelt einher: Welche Änderungen können zum jetzigen Zeitpunkt prognostiziert werden?

Immer mehr Menschen bleiben der Arbeit aufgrund psychischer Erkrankungen durch Belastung fern.

Die Änderungen, mit denen wir es momentan zu tun haben, werden in der Politik und in den Medien als Industrie 4.0 bezeichnet. Die Veränderung, in der wir uns gerade befinden, ist eine sehr radikale, nämlich die vierte industrielle Revolution.

Was bedeutet, dass sämtliche Prozesse entlang der Wertschöpfungskette digitalisiert werden beziehungsweise ein digitales Pendant haben. Das hat sowohl für die Industrie tief greifende Folgen als auch für die Arbeit an sich.

Was bedeutet das genau?

Eine Zunahme an Flexibilisierung und Mobilisierung der Arbeit – flexibel, orts- und zeitunabhängig, an Zielvorgaben ausgerichtet, und dies mithilfe von digitalen Geräten.

Was bedeuten die Veränderungen für die Gesundheit der Führungskräfte und Mitarbeiter?

Wenn man sich die Zahlen der Betriebskrankenkassen in Deutschland anschaut, beispielsweise den BKK Gesundheitsreport von 2015, dann sehen wir dort, dass sich die Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt haben. Immer mehr Menschen bleiben der Arbeit aufgrund psychischer Erkrankungen durch Belastung fern.

Am häufigsten ist hierbei die Depression zu nennen. Diese kann viele Ursachen haben – chronischer Stress ist aber eine der Hauptursachen. Zudem stellen wir in überbetrieblichen repräsentativen Mitarbeiterbefragungen fest, dass ungefähr ein Drittel der Befragten subjektiv das Gefühl hat, dass die Arbeit immer mehr wird und sie immer weniger in der Lage sind, mit den zunehmenden Anforderungen umzugehen, was sich erneut in den objektiven Arbeitsausfällen widerspiegelt. Die Kosten, die durch Arbeitsausfall jährlich in Deutschland entstehen, sind immens und liegen schätzungsweise bei 43 Milliarden Euro.

Wie kann ein Unternehmen verantwortungsvoll mit diesem Wissen umgehen?

Ein erster Schritt ist die Erkenntnis, dass Arbeitgeber eine Mitverantwortung für die psychische Gesundheit ihrer Arbeitnehmer haben. Eine nachhaltige Nutzung des humanen Kapitals ist der einzige Weg dahin.

Eine Unternehmenskultur, in der Mitarbeiter immer 150 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit abrufen, führt dazu, dass Mitarbeiter nach einem Jahr so ausgebrannt sind, dass sie ihren Job nicht mehr ausüben können. Im Zeitalter des Fachkräftemangels muss also zwingend darauf geachtet werden, Arbeit so zu gestalten, dass ein Arbeitnehmer idealerweise bis zum Rentenalter im Unternehmen arbeiten kann.

Und in den Chefetagen selbst?

Auch hier muss ein Wandel stattfinden, denn der beste Weg zu gesunden Mitarbeitern sind gesunde Führungskräfte, die mit gutem Beispiel vorangehen. Das tun die meisten jedoch nicht. Die meisten Führungskräfte arbeiten über die Maßen viel und opfern für ihre Karriere Zeit vom Familien- und Privatleben. Durch dieses Verhalten setzen sie im Umkehrschluss wieder ein Symbol, dass nur wer sehr viel arbeitet, sich oft auch überarbeitet, immer erreichbar ist, auch am Wochenende arbeitet, etwas erreichen kann.

Doch die Aufhebung der Trennung zwischen Arbeits- und Privatleben ist auf Dauer sehr ungesund für die Psyche – wie Langzeitstudien belegen. Das Verhalten von Führungskräften hat Signalcharakter und ist damit auch Vorbild für das Gesundheitsverhalten. Wenn der Chef ungesund arbeitet, gibt er dies über kurz oder lang an die Mitarbeiter weiter, was wiederum zu einer ungesunden Firma führt.

Und wie führt man gesund?

Ganz einfach: Indem man gesundheitsfördernd führt und im alltäglichen Führen ein Bewusstsein etabliert, dass das eigene Führungsverhalten einen immensen Einfluss auf die Gesundheit der Mitarbeiter hat. Der Chef sollte also keine E-Mails nach Feierabend oder am Wochenende verschicken, sich auch Zeit für die eigene Familie nehmen, die Pausen nicht durcharbeiten, die Treppe statt den Fahrstuhl nehmen und bei Meetings Wasser und Obst statt Kaffee und Kuchen bereitstellen.

Die Führungskraft muss durch ihr Verhalten aber auch signalisieren, dass ihr die Gesundheit der Mitarbeiter am Herzen liegt. Dies kann durch Nachfragen und Interesse an der einzelnen Person geschehen.