Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion – der unspektakuläre Beginn eines großen Phänomens

Irgendwann in den 1970er-Jahren begann die Karriere der Achtsamkeit mit einem amerikanischen Molekularbiologen. Damals kehrte dieser nach längeren Meditationsseminaren in Asien in seine Klinik zurück und überlegte, wie er auch seine Patienten an die seinerseits verinnerlichten Methoden heranführen könnte. Was er selbst als hilfreich erlebt hatte, würde möglicherweise auch seinen Patienten helfen, mit Stress und psychosomatischen Erkrankungen besser zurechtzukommen.

Da er der Meinung war, dass sich seine Leidenden wohl kaum tagelang auf Meditationskissen setzen würden, entwickelte er ein recht überschaubares Programm über mehrere Wochen, das vor allem aus Elementen der Vipassana-Meditation, Hatha-Yoga und Bewusstseinsübungen bestand. Mit seinen Teilnehmern vereinbarte er ein wöchentliches Treffen und ermutigte sie, zwischen den Einheiten täglich sogenannte Achtsamkeitsübungen zu praktizieren. Seine Methode nannte er MBSR – Mindfulness-Based-Stress-Reduction.

In unserer heutigen Zeit ist Achtsamkeit längst zu einem gesamtgesellschaftlichen Phänomen geworden. Zahlreiche MBSR-Gruppen entstanden in den vergangenen Jahren und Dutzende Achtsamkeitsschulungen wurden für verschiedenste Zielgruppen entwickelt. Vor allem im Managementbereich liegt hier der Trend. Ein bekanntes Beispiel ist das Google-Projekt „Search Inside Yourself“, ein Acht-Wochen-Training für Mitarbeitende des Internetriesen.

Viele hetzen im Alltag ständig von einer Sache zur nächsten und sind dabei nie ganz bei der Sache.

Hunderte weitere Unternehmen folgten und entdeckten Achtsamkeit als weitere Ressource für ihre Mitarbeiter. In Deutschland zählen hierzu unter anderem Dax-Konzerne wie Siemens, Daimler oder RWE.

Stellen Sie sich vor, bei Ihrem nächsten Meeting fordert Ihr Chef alle am Konferenztisch auf, für eine Minute die Augen zu schließen. Sie sollen sich klarmachen, wie sich der Raum anfühlt, in dem Sie gerade auf Ihren ergonomischen Stühlen sitzen, und Ihren eigenen Atem spüren. Sie sollen Ihren Körper wahrnehmen und kurzzeitig überlegen, worum es Ihnen bei diesem Meeting geht. Dann machen alle die Augen wieder auf. Sind Sie voll konzentriert?

Nichts und niemand hat mehr Zeit. Alles muss schnell gehen. Was richtet dieses Leben auf der Überholspur mit uns an?

Viele hetzen im Alltag ständig von einer Sache zur nächsten und sind dabei nie ganz bei der Sache. Im Kopf kreisen Gedanken andauernd um die Sorgen von heute und auch schon die von morgen, zwischendrin der Ärger von gestern inmitten der Terminplanung von später. Das Wichtigste verpassen viele dabei: den Moment. So entsteht das Gefühl: irgendwas ist immer. Dies nagt an einem und macht unzufrieden.

Achtsamkeitsübungen dienen ebenso gut zum Entspannen wie auch zum Stressabbauen. Die Idee dabei: Entspannung beginnt im Kopf, denn Stress ist nicht selten hausgemacht. Wie sehr man sich selbst unter Druck setzt, stresst und wie sehr man darunter leidet, ist Einstellungssache. Also gönnen Sie sich kurze Momente der Ruhe, schließen Sie die Augen und verweilen Sie einen Moment in diesem Augenblick, atmen Sie durch.