Dabei kommt es zu dem Schluss: „Im Jahr 2035 übersteigt der Arbeitskräftebedarf (bei Pflege- und Gesundheitsberufen ohne Approbation) der Projektionsrechnung zufolge das Angebot um rund 270.000 Personen.“ Die Bertelsmann Stiftung hat in ihrem "Pflegereport 2030" sogar noch weit höhere Bedarfszahlen errechnet. Die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit weisen Pflege – und hier besonders die Altenpflege – seit Jahren als Engpassberuf aus. Längst übersteigen die gemeldeten freien Fachkraftstellen in der Pflege die Zahl der entsprechend qualifizierten Bewerber erheblich. Personalverantwortliche berichten, dass es im Durchschnitt etwa ein halbes Jahr dauere, bis eine frei gewordene Stelle wieder adäquat besetzt werden könne.

Dass die Menschen immer älter werden – übrigens nicht nur in Deutschland - und dabei auch länger gesund und leistungsfähig bleiben, ist ja zunächst eine äußerst positive Nachricht. Dennoch bleibt es dabei: Mit dem Alter steigt auch das Risiko für Krankheit und Pflegebedürftigkeit. Und so wächst in unserem Land der Bedarf an Pflege von Jahr zu Jahr. Noch tragen in über 70 Prozent der Fälle pflegende Angehörige die Hauptlast – anders wäre die Versorgung auch weder sicherzustellen noch zu finanzieren. Aber gesellschaftliche Strukturen ändern sich, Töchter, Schwiegertöchter, Ehefrauen sind heute berufstätig, Generationen wohnen weit voneinander entfernt, die Zahl der Alleinlebenden nimmt zu. Hier entsteht ein wachsender Bedarf an professioneller Pflege und trifft auf ein schon heute nicht ausreichendes Fachkräfteangebot.

Wer heute die Zeichen des Fachkräftemangels immer noch ignoriert, seine Beschäftigten verschleißt, um mehr Gewinne zu erzielen, wird das bald bereuen.

Aber wo sind die Pflegefachpersonen, die in der Vergangenheit Jahr für Jahr zu Tausenden ihre Ausbildung erfolgreich abgeschlossen haben und in einen der drei Pflegeberufe eingetreten sind? Mit durchschnittlich 70 Prozent haben die Pflegeberufe eine im Branchenvergleich immens hohe Teilzeitquote. Oft nicht freiwillig, viele Bewerber wären sogar auf eine Vollzeitstelle angewiesen. Für Arbeitgeber ist Teilzeit allerdings ein einträgliches Geschäft: Die Beschäftigten können flexibler eingesetzt werden, decken mehr Wochenenden und Feiertage ab, erhalten keine Überstundenzuschläge.

Das Unternehmerrisiko wechselnden Arbeitsaufkommens wird so fast vollständig auf die Mitarbeiter verlagert, geltendes Arbeitsrecht großzügig ausgelegt oder gleich ganz umgangen. Wegen der seit Langem hohen Arbeitsverdichtung – die Personalbemessung entspricht nicht annähernd dem Arbeitsaufkommen – retten sich Mitarbeiter allerdings auch in die Teilzeit, um nicht zu erkranken oder auszubrennen. In den Gesundheitsreports großer Krankenkassen fallen die Pflegeberufe seit Jahren wegen überproportional hoher Krankheitsquoten und eines steilen Anstiegs stressbedingter Erkrankungen auf. Im Bereich Altenpflege/ambulante Pflege überwiegt der Anteil nicht tarifgebundener Unternehmen, das Lohnniveau bietet wenig Anreize, in diesem Feld tätig zu werden.

Wenn die Pflegebranche Menschen eine echte berufliche Perspektive bieten und auch in Zukunft noch Fachkräfte akquirieren und halten will, muss sie sich bewegen. In der heutigen Verfassung wird sie nicht mit attraktiveren Branchen konkurrieren können, sondern weiter an Boden verlieren. Gut ausgebildete, motivierte, engagierte und loyale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind das wichtigste Kapital und die Existenzgrundlage jedes Krankenhauses, jedes Pflegedienstes, jeder stationären Pflegeeinrichtung.

Wer heute die Zeichen des Fachkräftemangels immer noch ignoriert, seine Beschäftigten verschleißt, um mehr Gewinne zu erzielen, wer auf bewährte Maßnahmen zur Personalbindung verzichtet, mehr in Technik statt in sein Personal investiert, wird das bald bereuen. Die Pflege von Menschen wird nicht der Kollege Roboter sichern können; auch Fachpersonal aus aller Welt winkt dankend ab, wenn Deutschland ruft, in anderen europäischen Ländern warten weitaus bessere Arbeitsbedingungen. Wir haben im eigenen Land viel Potenzial, das gehoben werden könnte, aber ohne erhebliche und glaubwürdige Anstrengungen wird das nicht gelingen.