Wer sich im Bekanntenkreis danach umhört, wie es bei den Freunden im Job läuft, der wird nur selten Sätze wie „Alles prima“ oder „Ich bin rundum glücklich und zufrieden“ hören. In den meisten Fällen wird sich der Gefragte beschweren – über zu viel Arbeit, über zu viel Druck und zu wenig Zeit. Sich aus diesem lähmenden Trott zu befreien, indem man sich auf der Arbeit einfach mal kritisch zu Wort meldet, trauen sich allerdings nur die wenigsten – zu groß ist die Angst, sein Gesicht oder gleich den ganzen Job zu verlieren. Dass sich die Beschäftigten damit selbst zerstören, ist wohl nur den wenigsten bewusst.

Angst ist in der modernen Arbeitswelt sehr verbreitet. Man hat Angst, etwas falsch zu machen, Angst, jemandem auf den Schlips zu treten und Angst, ersetzbar zu sein. Die Auswirkungen dieser Angst sind vielfältig und fast überall erkennbar. Manche Menschen arbeiten bis zum Zusammenbruch – aus Angst um ihren Arbeitsplatz. Viele verzichten aus dem gleichen Grund freiwillig auf die vertraglich zugesicherte Freizeit. Man schleppt sich zur Arbeit, obwohl man krank ist, oder lässt Urlaubstage verfallen, auf die man ein Anrecht hätte. Und natürlich hält man den Mund auch dann, wenn man mitbekommt, dass im Betrieb etwas nicht rund läuft, oder schlimmer noch: dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.

Die Gründe dafür, dass sich viele Menschen im Arbeitsleben derart unterwürfig verhalten, ist in der Sozialisation der modernen Gesellschaft begründet. Diese pflegt eine Kultur der Anpassung, die im Kindesalter beginnt und im Erwachsenenalter dazu führt, dass die meisten ganz automatisch Teil des großen, gehorsamen und konformen Heeres von Arbeitskräften werden. Alle sind derart daran gewöhnt, sich anzupassen, dass ihnen ihre Gefügigkeit in den meisten Fällen gar nicht weiter auffällt. Sie gehört zu den Selbstverständlichkeiten der heutigen Arbeitswelt einfach dazu. Der bedingungslose Gehorsam aber bleibt nicht ohne Folgen und erweist sich letzten Endes immer als selbstschädigendes Verhalten. Er verlangt vor allem eines: den Verrat an sich selbst. Das Ich verkümmert im Bemühen, nirgends anzuecken und wie verlangt zu funktionieren.

Auf diese Weise werden sich die meisten Menschen selbst fremd. Anstatt ihr eigenes Selbst zu entwickeln erschöpfen sie sich im Bemühen um das Erreichen von Zielen, die nicht ihre eigenen und im Extremfall nicht mal mit ihren Werten zu vereinbaren sind. Es gehört sich einfach nicht, zu widersprechen oder kritische Fragen zu stellen, wenn einem von höherer Stelle etwas aufgetragen wird – das wird allen im Laufe des Lebens immer wieder eingetrichtert. Viele Arbeitnehmer entscheiden sich ganz bewusst dafür, weil Gehorsam natürlich auch eine gehörige Portion Sicherheit mit sich bringt. Derjenige, der gehorcht, ohne zu hinterfragen, muss sich keine Gedanken über etwaige Konsequenzen machen – schließlich hat er nicht selbst entschieden, etwas zu tun, er folgt lediglich den Anweisungen von oben. Wer gehorcht, kann nicht zur Verantwortung gezogen werden, da er schließlich bloß im Auftrag handelt.

Gehorsam ist also etwas, das nicht nur dem Angestellten schadet, weil dieser immer wieder das Gefühl von Machtlosigkeit erlebt, sondern auch etwas, das nicht im Interesse des Arbeitgebers liegen kann. Denn Angestellte, die gedankenlos gehorchen, denkt nicht mit: Sie sehen weder Fehler noch Optimierungspotenzial. Weniger Anpassungsbereitschaft und mehr Eigensinn der Mitarbeiter wäre demnach ein Gewinn für jedes Unternehmen und müsste theoretisch im Interesse aller Beteiligten liegen.

Wer widerspricht und sich in irgendeiner Form Befehlen widersetzt, sollte natürlich genau wissen, was er will. Gehorsamsverweigerung darf keine wütende Auflehnung „aus Prinzip“ sein, ohne Sinn und Verstand. Die Sache muss den Zwist schon wert sein. Es lohnt sich zudem nicht, um Kleinigkeiten zu kämpfen. Ein Arbeitsplatz ist nicht der Ort, um pubertäre Rebellion zu praktizieren. Wer sich dazu entscheidet, den Gehorsam zu verweigern, sollte dies aus einer inneren Reife heraus tun. Er sollte damit ein relevantes Ziel verfolgen. Das bedeutet, man braucht ein klares Bewusstsein davon, warum man mit einer Maßnahme nicht konform gehen und was man stattdessen erreichen will.

Relevante und klare Ziele, die auf inneren Überzeugungen und Werten aufbauen, machen stark. Schnell bekommt man das Gefühl, für eine gute und gerechte Sache einzustehen. Die Kraft, die darin liegt, wird einen großen Teil der Angst verdrängen, die man vorher hatte. Es gilt, sich bewusst zu machen, dass auch in der Arbeitswelt nichts in Stein gemeißelt und grundsätzlich alles verhandelbar ist. Die Arbeitswelt braucht heutzutage tatsächlich mehr denn je Menschen, die die Verantwortung für die Organisation, in der sie arbeiten, mittragen: Menschen, die mitdenken und mitgestalten wollen. Denn noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte war die Arbeitswelt derart komplex. Gedankenlose Anpassung wird diesen Umständen nicht gerecht. „Wenn alle das gleiche denken, denkt keiner“, mahnte der bekannte US-amerikanische Schriftsteller Walter Lippmann schon im vergangenen Jahrhundert. So betrachtet, wird Ungehorsam mehr und mehr zur notwendigen Tugend.

Information

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