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Gesundheitsfalle digitales Arbeiten

Foto: mrmohock via Shutterstock

Agiles Arbeiten, flache Hierarchien, offene Büroräume, das sind die positiven Attribute, die hierzulande mit dem Thema New Work verbunden werden. Aber die schöne neue Arbeitswelt hat auch ihre Kehrseite.

Anke Brinkmann

Präsidiumsmitglied Bundesverband der Personalmanager (BPM)
Head of Health and Safety bei der Berliner Stadtreinigung

Ständige Erreichbarkeit bedingt durch digitale Anwendungen und Geräte, selbstbestimmtes Arbeiten und die viel zitierte Fähigkeit, stets veränderungsbereit zu bleiben, erzeugen bei vielen Menschen psychischen Dauerstress. Die Folge: Aus Angst, den digitalen Anschluss zu verlieren oder nicht gut genug zu sein, versuchen sie, die permanente Überforderung zu überspielen. Infolgedessen häufen sich die Krankheitstage.

Damit es erst gar nicht so weit kommt, sind Unternehmen, insbesondere die Personaler, gefragt, dieser Entwicklung zuvorzukommen und gemeinsam mit den Mitarbeitern Lösungen zu erarbeiten. Denn permanente Ablenkung durch Smartphone und Co. oder unerledigte Mails stets am Wochenende von zu Hause aus zu bearbeiten, darf nur die Ausnahme, nicht aber die Regel sein. Dieses Verhalten zieht sich gleichermaßen durch alle Unternehmensetagen und Arbeitnehmergruppen. Auch ein Mitarbeiter in der Produktion nutzt seine Pausen schon lange nicht mehr, um auszuruhen. Anstatt eine Pause einzulegen, wird munter das Smartphone gezückt. Hinzu kommt die Erkenntnis: Bei aller Selbstbestimmtheit und Freiheit in der Gestaltung der eigenen Tätigkeit sollten Mitarbeiter nicht sich selbst überlassen werden, wenn es um das Einhalten von Ruhephasen und Auszeiten geht. Denn im Zweifel wird doch noch schnell das überfällige Projekt bearbeitet.

Hier sollten Personalverantwortliche ihre Kollegen methodisch darin unterstützen, sich neu oder anders zu organisieren oder alte Gewohnheiten zu verändern. Dabei können schon die kleinsten Veränderungen im Arbeitsalltag große Wirkung erzielen. Zum Beispiel wenn man sich feste Zeiten am Tag einräumt, um seine E-Mails zu beantworten, oder einen Wochentag im Kalender als „terminfreien“ Tag reserviert. An diesem Tag könnte sich der Mitarbeiter ungeachtet seines Aufgabenbereichs dann mit konzeptioneller Arbeit beschäftigen, die besonderer Konzentration bedarf. Zusätzlich könnten Personaler dafür sorgen, dass der Arbeitgeber Achtsamkeitskurse oder Resilienztrainings für alle Mitarbeiter anbietet, damit sie wieder lernen, sich bei der Arbeit zu fokussieren. Zwar behandeln diese Maßnahmen das Problem nicht an der Wurzel, dennoch bieten sie Beschäftigten kurzfristige Auswege aus einer digitalen Zerstreutheit und Überforderung. 

Wer stets entspannte und zugleich hoch konzentrierte Mitarbeiter möchte, sollte zudem mit gutem Beispiel vorangehen. Hier ist die Führung gefragt. Denn eine Führungskraft nimmt immer noch die größte Vorbildfunktion bei den Mitarbeitern ein. Und wenn sie durch ihre Arbeitshaltung signalisiert, dass man für Mails am Wochenende einen guten Grund braucht und Erholungsphasen sklavisch einzuhalten sind, werden die Beschäftigten das schnell übernehmen. Anstatt Überstunden still zu tolerieren oder sie gar zu zelebrieren, sollten sie besser für Stirnrunzeln bei den Führungskräften sorgen.

Vor diesem Hintergrund sollten Personaler bei der Ausgestaltung kollaborativer Arbeitsmodelle daher auch verstärkt die Gesundheit der Mitarbeiter im Auge behalten und gegebenenfalls gemeinsam mit ihnen Richtlinien entwickeln, die sinnvoll für die jeweiligen Tätigkeitsbereiche sind. Dazu gehören Antworten auf die Fragen: Welches sind im Zuge der Digitalisierung die größten Stressfaktoren für die Mitarbeiter? Oder welche Art Erholung brauchen junge Mitarbeiter im Unterschied zu den älteren? Die Antworten darauf sind nicht einfach. Aber sie sind essenziell, wenn es Unternehmen beziehungsweise das Gesundheitswesen und das Personalmanagement ernst mit dem Wohlergehen ihrer Mitarbeiter meinen. Die Mitarbeiter dabei sich selbst zu überlassen, ist die denkbar schlechteste Lösung.

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